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Wir Christen glauben an den dreifaltigen Gott. Kurt Marti nennt ihn „gesellig“. Es ist spannend, für manche ist es unverständlich oder gar befremdlich. Und vermutlich tun sich viele von uns schwer, diesen dreifaltigen – „geselligen“ - Gott plausibel erklären zu können oder zu wollen. Sie überlassen es gerne den Theologen.
Die biblischen Texte sind Versuche, sich dem Geheimnis Gottes anzunähern. Es ist dabei zu bedenken, dass es damals noch keine dogmatischen Sätze, keine ausformulierte Lehre über den dreieinigen oder dreifaltigen Gott gab. Im Gegenteil, die biblischen Texte geben Erfahrungen wieder und bringen sie ins Wort. Sie wurden dann später in Glaubenssätze ausformuliert.
Diesen Erfahrungen versuche ich ein wenig nachzuspüren: Jesus ist mit den Jüngern im Abendmahlssaal versammelt und nimmt Abschied. Er sagt zu ihnen: Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden (Joh 16,15). Wer kann schon so etwas sagen: Alles, was der Vater hat, ist mein? Vielleicht können es Liebende oder Ehepaare in dieser Weise formulieren: Alles, was dein ist, ist auch mein. Es ist die Erfahrung, dass keine Konkurrenz gegeben und notwendig ist, dass es ein tragendes Gemeinsames gibt, dass das Gemeinsame und zugleich die Eigenständigkeit weder gefährdet noch überhöht sind, dass aus diesem Gemeinsamen Freude, Kraft und Leben entspringt.
Jesus erfährt den Vater als Teil seines Lebens. Sie haben Gemeinsames. Es ist die Liebe, in der sie bleiben (Joh 15,9) und die vom Vater ausgeht. Niemand kann ihn dem Vater entreißen, auch nicht der Tod. Wenn Jesus über seine Beziehung zum Vater spricht, dann dürfen wir das religiöse und kulturelle Umfeld nicht vergessen, in dem es geschieht.
Er grenzt sich damit gegen jene ab, die vertreten, um sich der Liebe Gottes sicher zu sein, braucht es Opfer, seine Liebe muss ich mir praktisch „verdienen“ oder „erkaufen“. Er grenzt sich ab gegen alle Vorstellungen, dass der Mensch im Gezerre der Eifersüchteleien und der Konkurrenzkämpfe der verschiedenen hellenistischen Gottheiten stehe, das Schicksal von Leben und Tod, von Gesundheit und Krankheit in ihrer Willkür liegt.
Er grenzt sich damit auch ab von politischen Machthabern - oder vielleicht treffender Diktatoren -, die die Rolle eines Gottes oder Halbgottes einnehmen und die ihre Untertanen als willfährige Sklaven und Mägde sehen und dementsprechend behandeln. Ihr Leben zählt für sie nicht. Sie haben zu gehorchen. Viele haben für sie zu arbeiten, ohne selbst je eine gesicherte Existenz aufbauen zu können. Die Menschen sind in ihrem Verständnis nicht viel mehr als eine Ware, über die sie frei verfügen.
Jesus spricht vom Geist der Wahrheit, der sie in der ganzen Wahrheit leiten wird. In der alten Einheitsübersetzung lautete es: In die ganze Wahrheit führen; nochmals die neue Einheitsübersetzung: In dieser Wahrheit leiten. Es ist immer die Frage, wenn wir von Gott oder über Gott reden, was ist wahr? Was können wir verlässlich sagen? Was leitet unser Bild von Gott?
Jesus erklärt den JüngerInnen: Der Geist der Wahrheit wird sagen, was er hört und wird von dem nehmen, was mein ist und mich verherrlichen. Jesus selbst ahnt bereits den Weg in die Passion. Er traut zugleich der anderen Wahrheit, die mit ihm mitgeht. Der Vater ist in seinem Schicksal zugegen. Er, der Vater, nimmt Anteil an seinem Leben und ist zugleich auch das Leben und die Kraft für seinen Weg. Die Not Jesu ist auch seine. Er steigt mit hinab in das Elend der Menschen, in die Gewalt, in die Welt der chaotischen und dämonischen Kräfte, um daraus zu retten. Die Verherrlichung Jesu in und durch die Passion bedeutet nicht, dass der Vater Freude an seinem Leiden gehabt hätte, sondern er ist verherrlicht in der bleibenden Liebe, im Festhalten an der Liebe, im Bleiben in jener Liebe, die das Leben über den Tod hinaus schenkt.
Wir können hier nur nochmals den Satz wirken lassen: Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.
Das erste Wort, das Gott an den Menschen richtet, lautet: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt (Gen 2,18). Der Glaube an den dreieinigen Gott zeigt auf, dass er ein Gott der Beziehung(en) ist. Er selbst sucht das Du. Er selbst ist ein Du, an dessen Wesen und Leben jede und jeder Anteil nehmen kann. Er ist ein Du, der in die Tiefen des Lebens hinabsteigt, um die Würde des Menschen zu retten, mit dem Ziel der Verherrlichung.
Es mag Diskussionen über das Verständnis des dreifaltigen Gottes geben: Wie sehr ist Jesus Mensch oder Gott? Wie sollen oder können wir uns den Heiligen Geist vorstellen? Wie definieren wir die Beziehungen? Wir werden es nicht endgültig beantworten können. Was wir an diesem Sonntag in besonderer Weise feiern dürfen, ist, dass Gott in den Beziehungen erfahrbar wird und dass ER zutiefst lebens- und beziehungsstiftend ist. Obwohl er der ANDERE ist und bleibt, nimmt er Anteil an unserem Leben. Zu Mose sagt er am brennenden Dornbusch: Ich bin vertraut mit dem Schicksal der Menschen. Es geht mir ans Herz, an die Nieren (Ex 3,7-10). Er lässt zugleich auch Anteil an seinem Leben nehmen. Es ist sein Wesen: Jede und jeden ins Leben zu lieben. Darin zeigt sich seine Herrlichkeit und sie soll bei jedem Menschen offenbar werden.