Den eigenen Weg finden 1.Lesung: Jer 20,7-9| 2.Lesung: Röm 12,1-2| Evangelium: Mt 16,21-27
Aussagen zum „Anti-Christ“ erfreuen sich über dem großen Teich an Zuspruch. Die Zeichen eines zunehmenden Fundamentalismus in christlichen Kirchen können fast nicht übersehen werden. Es reicht von wörtlichen, unkritischen Bibelauslegungen, dem Anspruch auf die alleinige Wahrheit – die man allerdings bei der Auslegung des Koran im Islam als problematisch sieht – bis hin zu einem Schwarz-Weiß-Denken sowie der Ablehnung von Wissenschaft, Moderne und demokratischen Werten. Starre Autoritätsstrukturen werden als probates Gegenmittel dargestellt. Gruppendruck, Kulturkampf und politische Radikalisierung gehen oftmals einher
Die Bibel verschweigt die Gefahren nicht, die von fundamentalistischen Tendenzen ausgehen können. Vor einiger Zeit haben wir vom Propheten Elija gehört. Als er die Baalspriester tötete, musste er lernen, dass Gott nicht donnernd und machtergreifend daherkommt, sondern als leises Säuseln. Da gilt es genau hinzuhören. In aufbrausendem Fundamentalismus ist es kaum zu hören.
Die heutigen Texte geben Anregungen, auch die eigene Religion, den eigenen Glauben und sein eigenes Handeln immer wieder kritisch zu hinterfragen.
Der Eifer etwas verändern zu wollen, Missstände zu erkennen, sich berufen zu fühlen, führen auch beim Propheten Jeremia zu einer Zerrissenheit. Einerseits: „Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so brannte in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen“, andererseits mühte er sich um Distanz, aber sie „auszuhalten, vermochte“ er nicht (Jer 20,9). Die Konfessionen bzw. abschließenden Texte des Jeremias thematisieren seine inneren und äußeren Konflikte. Es geht um seine Reflexion und seinen Diskurs mit dem Glauben. Die Anziehungskraft, die Glauben ausüben kann, soll nicht unhinterfragt hingenommen werden.
Paulus – ein echter Hitzkopf in der Verfolgung der Christen – will uns noch eine weitere Empfehlung mitgeben: „Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist“ (Röm 12,2). Es geht um das kritische Prüfen. Ignatius von Loyola entwickelte daraus die Unterscheidung der Geister.
Das heutige Evangelium verdeutlicht, wie wichtig es ist, seinen eigenen Weg im Umgang mit Religion und Glauben zu finden. Es scheint, als würde uns mit dem heutigen Text nochmals eine Versuchungserzählung vorgelegt. Am Anfang seines Wirkens wurde Jesus in der Wüste vom Satan in Prüfungen getrieben. Während jene Erprobungen in vollständiger Abgeschiedenheit erfolgten, geht es nun um das praktische Leben und seine Versuchungen. Dazwischen hat Jesus viele Gleichnisse erzählt und Heilungen erwirkt.
Nun spricht Jesus das erste Mal über sein bevorstehendes Ende. Jesus wird dabei von einem seiner besten Freunde in Versuchung geführt. Es geht um die Macht Gottes, in die Geschichte einzuwirken, Jesu Herrschaftsanspruch durchzusetzen und um eigene Beweggründe des Petrus. Offensichtlich fühlt sich Jesus selbst an seine Prüfungen in der Wüste erinnert: „Tritt hinter mich, du Satan!“.
Gott gab den Menschen in der Schöpfungserzählung den Garten Eden, um diesen zu bearbeiten und zu behüten. Zu diesem Garten haben wir sicher viel im Sinne Gottes beigetragen, aber ebenso ganz viel was lediglich „die Menschen wollen“. Besonders in diesem Sommer bekommen wir die Folgen unseres Handels zu spüren. Wir leben im Überfluss und in einer Wegwerfgesellschaft. Vieles haben wir und Generationen vor uns dazu beigetragen. Es wurde fleißig gearbeitet, nach dem Krieg ein Land wiederaufgebaut, es wurden strategische Partnerschaften geschlossen, aber es wurde auf Kosten anderer gelebt. Wir Mitteleuropäer verreisen und importieren. Wir können der Welt ganz nahekommen und vieles von der Welt in unsere eigenen vier Wände holen. Im Sinne des heutigen Evangeliums könnte man sagen: Wir haben die Welt gewonnen! Aber wir stellen zudem immer häufiger fest, dass wir dabei unsere Lebensqualität einbüßen. Einerseits durch die Folgewirkungen unseres Tuns in Fauna und Flora, andererseits aber auch ganz persönlich. Es wird uns zu viel: Sorgearbeit, Beruf, Familie, Hobbies. Wir hetzen mehr durch unser Leben, als das wir es leben. Es geht um Maß und Ziel.
Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen? Ein alter biblischer Text, mit einer sehr aktuellen Fragestellung.
Die heutigen Texte weisen darauf hin, dass es bei allen Überzeugungen gilt, den Eifer in Schach zu halten und nicht blindlings den Rattenfängern hinterherzulaufen, kritisch zu hinterfragen – auch angebliche Autoritäten oder die Religion –, seinen eigenen Weg zu finden und sich nicht von jedem Zurufer davon abbringen zu lassen. Das klingt nach Mühe und Arbeit – und das ist es auch.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jeremía anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.
Ein Kommentar zu “Den eigenen Weg finden 1.Lesung: Jer 20,7-9| 2.Lesung: Röm 12,1-2| Evangelium: Mt 16,21-27”
Liebe Katharina, danke für Deine Worte.
Gerade heute hatte ich ein interessantes Gespräch mit meinem Podologen -45 Jahre alt-. Er fragte mich, was ich heute noch tue. Ich erzählte ihm, dass ich noch einkaufen gehe und anschließend noch mit meiner Frau in einem schönen Biergarten sitzen werde. Abends gehe ich dann noch ins Rosenkranzgebet. Er wurde daraufhin recht nervös und sagte: “Ich kann mir so ein Dahinleben nicht vorstellen, ich werde als Rentner einen Nebenjob annehmen, das macht für mich Sinn”. Ich dachte, so ein Getriebener. GG