Das göttliche Königsamt 1.Lesung: 1 Sam 16,1b.6-7.10-13b| 2.Lesung: Eph 5,8-14| Evangelium: Joh 9,1-41
Wir haben ein langes Evangelium über die Heilung eines Blindgeborenen gehört. Man würde meinen, dass eine solche Heilung Freude und Erleichterung auslöst. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Heilung bewirkt Streit, Verdächtigungen, Unterstellungen und schließlich wird der von der Blindheit geheilte aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Blindenheilungen nehmen in der Bibel einen hohen Stellenwert ein. Sie kommen sowohl an den Schnittpunkten der Evangelien als auch an Schnittpunkten des Ersten (Alten) Testamentes vor. Die erste Lesung des Sonntags ist ein Beispiel dafür.
Samuel ist auf der Suche nach einem neuen König, weil Saul bei Gott in Ungnade gefallen ist. Er ist dem Auftrag gegen Gewalt, Unrecht und Korruption vorzugehen nur halbherzig nachgekommen, beziehungsweise er hat es weiter geduldet. Dies veranlasst Gott den Propheten Samuel zum Betlehemiter Isai zu senden. Ein Sohn Isais soll neuer König werden. Für Isai ist der Erstgereihte der älteste Sohn und so stellt er ihn auch als ersten vor.
Doch Gott interveniert und dient als „Sehhilfe“. So sagt Gott zu Samuel: „Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz“ (1 Sam 16,7).
Wir haben es hier mit einem eindrücklichen Beispiel von Autoritäts- und Religionskritik der Bibel zu tun.
Der älteste Sohn heißt Eliab, übersetzt: „Gott ist Vater“. Die Namen stehen zugleich für das Programm eines Menschen. Man könnte meinen, dass Gott mit einem solchen Mann, der sich ganz mit Gott verbunden weiß – dem „Gott sein Vater ist“ -, eine Freude haben müsste. Aber nein. Gott sieht auf das Herz. Mit anderen Worten: Bigottische Menschen, die sich als „Stellvertreter Gottes“ sehen, taugen nicht für ein Königsamt. Man bedenke, wie Gott die Ablehnung begründet: Er sieht auf das Herz. Bigotterie und Frömmelei können Menschen herzlos machen.
Isai stellt den zweiten Sohn als möglichen Kandidaten vor. Sein Name: Abinadab, „Freigebigkeit“. Auch Menschen, die sich zu sehr von der Großzügigkeit leiten lassen, sind ungeeignet für ein Königsamt. Es folgt der dritte Sohn mit Namen: Schima, „selbstbewusst“, „stolz“ und „eitel“.
Noch vier weitere Söhne stellt Isai Samuel vor. Sie werden nicht einmal mit Namen genannt. Sie taugen nicht für das Königsamt. Samuel fragt dann Isai: „Sind das alle jungen Männer?“ (Vgl. 1 Sam 16,11) Isai antwortet: Der jüngste fehlt noch, aber er hütet gerade die Schafe. Es ist David, „der Geliebte“, „der Liebende“. Samuel lässt ihn rufen. Als David vor ihm steht, trägt der Herr ihm auf: Auf, salbe ihn zum König!
Es ist beachtenswert, wie David sein Königsamt lebt. Er geht zurück zu den Schafen und ist weiter Hirte. Er setzt sich keine Krone auf, bezieht keinen Palast mit einem Thron, hat keine Gefolgsleute oder Dienerschaft, kein Heer mit Soldaten. Er tritt auch nicht dem Saul als Konkurrent entgegen, sondern wird an den Hof Sauls gerufen, um ihn mit Musik aufzurichten.
David ist König als Geliebter und Liebender. Sein Königsamt hat mit Herzensbildung zu tun. Viele Jahre lebt er auf diese Weise sein Königsamt, ehe er nach dem Tod Sauls von den Stammesältesten gerufen wird, Nachfolge Sauls zu werden.
Christen werden bei der Taufe zu König:innen gesalbt. Lerne dich als von Gott geliebter Mensch zu verstehen. Es begründet deine Würde. Es ist zugleich das göttliche Königsamt als Liebende, als Liebender zu leben. Als Liebende und Liebender auf Menschen zuzugehen, vor allem jene in den Blick zu nehmen, die zu straucheln drohen. Dazu braucht es Herzensbildung. Sieh nicht auf das Aussehen und die stattliche Gestalt; Gott sieht nicht auf das, was vor den Augen ist, er sieht auf das Herz.
Die Lesung will uns zugleich die Augen öffnen, wenn es darum geht, Menschen für Führungsrollen auszuwählen. Die Erzählung warnt vor jenen, die sich als ungeliebt ausgeben, sich als Opfer oder Ausgegrenzte sehen. Und weiter: Das Herz eines Menschen, so hören wir es bei Jesus, zeigt sich in dem, was aus ihrem oder seinem Mund herauskommt. Das, was aus dem Mund herauskommt, macht ihn unrein (Vgl. Mt 15,11).
Kränkende, verletzende, herabwürdigende Worte taugen nicht für ein Königsamt. Gott hat dem Samuel die Augen für einen Mann geöffnet, der mit der Herzensbildung vertraut war.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem ersten Buch Samuel anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.