Nehmt den Stein weg 1.Lesung: Ez 37,12b-14| 2.Lesung: Röm 8,8-11| Evangelium: Joh 11,1-45
Die Auferweckung des Lazarus ist das letzte Zeichen, das Jesus im Johannesevangelium wirkt. Spannend dabei ist, dass die drei anderen Evangelisten – Matthäus, Markus und Lukas – nichts von einer Auferweckung eines Lazarus berichten. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass ein Ereignis wie die Auferstehung eines Toten verborgen bleibt. Eher müsste man davon ausgehen, dass sich ein solches Ereignis wie ein Lauffeuer verbreitet und in allen Evangelien Erwähnung findet.
Wir wissen, dass das Johannesevangelium ein sehr dichter Text ist, vielschichtig und oftmals auch mehrdeutig. Dies trifft in besonderer Weise auf die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus zu. Auf einige wenige der vielen Aspekte sei hier hingewiesen.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es unterschiedliche Tode gibt. Jeder dieser Tode ist schlimm, ob es sich um den physischen oder psychischen Tod, Beziehungs- oder Liebestod handelt. Jesus, der gekommen ist, um Leben in Fülle zu bringen, will das Leben und keinen dieser Tode (Vgl. Joh 10,10). Mit dem Zeichen der Auferweckung des Lazarus wird zunächst einmal deutlich, dass Jesus Herr über Leben und Tod ist. Er vermag Tote ins Leben zu rufen. Die Auferweckung des Lazarus nimmt ebenso seine Auferstehung vorweg.
Als Jesus vor dem Grab des Lazarus steht, ruft er aus: Nehmt den Stein weg! Es ist eine Aufforderung an die Umstehenden. Martha wendet ein, dass er – Lazarus – schon riecht, da er bereits vier Tage im Grab liegt. Ihr Einwand macht den Eindruck als wäre sie gegen das Öffnen des Grabes. Er riecht. Sie kann und will ihn nicht mehr riechen. Wir sagen es manchmal im Alltag und wissen, was es heißt, wenn wir einen Menschen nicht mehr riechen können. Jesus befiehlt den Stein wegzunehmen. Er hält den Geruch der Menschen aus.
Der Stein, der auf Menschen liegt und der das Leben verhindert, kann Unterschiedliches bedeuten: Tabus, Familientabus über die nicht geredet wird; Erwartungen an Menschen, Kinder, Mitarbeiter:innen; Verleumdungen, Verdächtigungen, Unterstellungen, Ängste, Vorverurteilungen … Sie liegen wie Steine auf Menschen und verhindern Lebensfreude und das freie Atmen.
Steine, die auf Menschen liegen, können ebenso sein: Unversöhntes, Gier, Neid, Sturheit und Ähnliches. Sie stören Beziehungen, ja vermögen Beziehungen zu zerstören. Nehmt den Stein weg! Es ist ein Wort an die Umstehenden. Manchmal haben diese Steine ein ordentliches Gewicht und bedürfen mehrerer Hände. Man bedenke, dass erst die Wegnahme des Steines durch die Umstehenden für Lazarus den Weg ins Leben wieder freimacht.
Wir können davon ausgehen, dass dieser Befehl Jesu, den Stein vom Grab wegzunehmen, mit Diskussionen und Auseinandersetzungen der Umstehenden verbunden war.
Jesus spricht dann Lazarus direkt an, auch im Befehlston: Lazarus, komm heraus! Wer sich so in eine Höhle zurückgezogen hat, dazu mit Binden eingewickelt ist, braucht einen mächtigen Anstoß, um den Weg ins Freie zu wagen. Dieses „Komm heraus!“ kann wieder Verschiedenes meinen.
In einem Gespräch der vergangenen Woche erklärte mir eine homosexuelle Person, dass sie diesen Ruf mit dem „Coming out“ verbunden hat und verbindet. Komm heraus! Zeige dich der Familie, den Freund:innen, der Gesellschaft. Wage die Freiheit. Wage das Leben.
Komm heraus! Lass die Ängste, die Verletzungen hinter dir.
Komm heraus aus deiner Blase! Lerne neu zu hören und zu sprechen. Lege ab deinen Hass und deine Wut. Lege ab die Unversöhnlichkeit. Vertraue dich neu dem Leben an. Wage neue Schritte in den Garten und atme die Luft der Blumen. Es ist dein Leben.
Komm heraus!, ruft Jesus. Jesus ruft ins Leben. Er ist der Weg zum Leben. Wer sich auf Jesus einlässt, muss oder darf damit rechnen, dass er oder sie vom Tod zum Leben geführt wird, dass ihm oder ihr der Weg aus Höhlen in die Freiheit gewiesen wird, dass Jesus mit einem Menschen ein neues Leben beginnt. Traue seinem Wort. Wage dein Leben mit ihm.
Und zwar: Jetzt! Heute! Komm heraus!
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Ezéchiel anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.