Orte der Begegnung im Alltag 1.Lesung: Ex 17,3-7| 2.Lesung: Röm 5,1-2.5-8| Evangelium: Joh 4,5-42
Wasserstellen sind seit alters her Begegnungsorte, an denen sich Menschen kennenlernen und an denen sie sich versammeln, früher auch Recht sprachen und sich versöhnten.
Der Jakobsbrunnen ist so eine Wasserstelle. Er liegt am Fuß des Berges Garizim – jenem Berg, auf dem die Samaritaner bis heute Gott anbeten – in der Nähe von Sichem, dem heutigen Nablus. Namensgeber war der Stammvater Jakob, denn er grub dort den Brunnen. Vermacht hat er diesen dann seinem Sohn Josef, dessen Ruhestätte der Tradition nach unweit davon entfernt liegt. Es ist ein Ort, der im Konflikt zwischen Israel und Palästina immer wieder zum Tatort wird. Viele Menschen haben rund um den Jakobsbrunnen ihr Leben verloren.
Nicht nur, dass dieser besagte Brunnen im Evangelium als sehr tief beschrieben wird, er führt auch tief in die Vergangenheit. Er führt zur Begründung der zwölf Stämme durch die Söhne Jakobs. Und wenn auch zur Zeit Jesu ein tiefer Riss durch Samaritaner und Juden hindurchging, stand dieser Brunnen für den gemeinsamen Wurzelgrund. Nelly Sachs schrieb in einem Gedicht: „Aber deine Brunnen sind deine Tagebücher o Israel“. Der Brunnen des gemeinsamen Stammvaters Jakob repräsentiert die gemeinsame Vergangenheit des gesamten Volkes Israel.
Die Kirche oberhalb des Jakobsbrunnen wird heute von orthodoxen Mönchen betreut. Die orthodoxe Kirche verehrt als Verkündigungsort in Nazareth den alten Brunnen der Stadt – den Gabrielsbrunnen. In ihrer Tradition sprach der Erzengel Gabriel dort Maria an und lud sie zur Lebenswende ein. Am Jakobsbrunnen verwickelt Jesus die Samariterin in ein Gespräch und erschließt ihr einen neuen Weg. Es sind beides Erzählungen von Begegnung, von Sehnsucht nach Verstanden werden und Geschichten eines neuen Anfangs.
Jesus setzt sich zur Mittagszeit an den Jakobsbrunnenrand. Wenn die Sonne im Zenit steht, muss sie ihre Bahn ändern. Es ist Wendezeit, Zeit der Veränderung. Das heutige Evangelium könnte man als Text einer Mystik des Alltags verstehen. Mitten am Tag, mitten im Alltag, beim selbstverständlichen Tun, beim mühevollen Wasserholen, trifft man auf einen Menschen – einen durstigen, einen bedürftigen Menschen. Mit der einfachen Bitte „gib mir zu trinken“ wird die damals übliche Abgrenzung von Mann und Frau, zwischen Rechtgläubigen und Andersgläubigen aufgehoben. Es entwickelt sich ein Gespräch an einem Alltagsort jenseits aller Grenzen, aller Urteile und Vorurteile.
Mose hatte ebenfalls so eine mystische Erfahrung im Alltag. Inmitten seiner Herde durch die Wüste streifend, sieht er plötzlich einen brennenden Dornbusch und lässt sich in seinen Bann ziehen. Ein Gespräch beginnt. Auch für ihn wird es keinen Weg mehr zurück in seinen bisherigen Alltag geben. Bei beiden Biografien werden uns die Missetaten nicht vorenthalten, sondern ganz sachlich festgehalten. Verurteilt werden sie nicht. Gott beginnt sein Gespräch nicht damit, Mose als Mörder zu bezeichnen. Auch Jesus hält die verworrenen Beziehungsgeflechte der Samariterin ganz nüchtern fest, macht ihr diese aber nicht zum Vorwurf.
Die Erzählungen von den Begegnungen am Dornbusch und am Brunnen sind hoffnungsvoll. Beide beginnen mit offenen Fragen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Herr, du hast kein Schöpfgefäß und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Auch Maria stellte damals bei der Verkündigung eine Frage: Wie soll das geschehen?
Bei Mose offenbart sich Gott als der „Da-seiende“, als verlässlicher und treuer Gott, der mit den Menschen mitzieht. Bei Maria ist Gott jener, für den nichts unmöglich ist, wenn es gilt den Menschen zur Seite zu stehen und mit ihnen Geschichte zu schreiben – auch wenn es sich dabei um eine Frau handelt. Jesus offenbart der Samariterin Gott als innere Quelle, „deren Wasser ins ewige Leben fließt“.
Die Samaritanerin beschreibt Jesus bei ihren Leuten so: „kommt her, seht, da ist ein Mensch“ … „Ist er vielleicht der Christus?“ Es ist genau jene Formulierung, die Pilatus beim Evangelisten Johannes verwendet, als er Jesus mit Dornenkrone und purpurrotem Mantel vor die Hohepriester treten lässt: „Seht, der Mensch!“ Das wurde zu seinem Todesstoß. Sie erkannten nicht, was die Samaritanerin erkannte: Gott ist Mensch geworden. Erlösung findet statt. Auch die Bitte „Gib mir zu trinken!“ von Jesus an die Samariterin wiederholt sich in der Leidensgeschichte bei Johannes. „Mich dürstet“ ist das fünfte der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz. Auch damit wird Jesu wahres Menschsein aufgegriffen. Wir lesen: „Aus jener Stadt kamen viele Samaríter zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin“. Diese Frau wurde zu einer Jüngerin oder zu einer ersten Missionarin im besten Sinn des Wortes. Am Kreuz wird Jesus seine Liebe von den Soldaten mit Essig vergolten.
Uns sind heute die Brunnen verloren gegangen. Ganz real, weil wir nicht mehr vor die Türe müssen, um Wasser zu holen, aber auch im übertragenen Sinn. Diese Orte der Begegnung im Alltag fehlen uns. Orte, wo wir unsere offenen Fragen stellen können, Probleme ansprechen und Herausforderungen diskutieren können, sind seltener geworden. Wir verbringen viel Zeit am Computer, am Handy, mit sozialen Medien und KI. Begegnungszonen gibt es dort zwar auch, aber keinen Brunnenrand zum Verweilen und zum persönlichen Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht. Wir sind gefordert neu Ausschau zu halten, wo Begegnungsorte unseres Alltags sein können. Wo kann unsere Sehnsucht und unsere Hoffnung auf ein erfülltes Leben gestillt werden? Wie können wir die Einladung der Samaritanerin für uns heute deuten: „kommt her, seht, da ist ein Mensch“?
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Éxodus anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.