Türen durchbrechen 1.Lesung: Apg 2,42-47| 2.Lesung: 1 Petr 1,3-9| Evangelium: Joh 20,19-31
Die Texte, die wir Sonntag für Sonntag lesen, sind alte, ja uralte Texte. Wenn man an den technischen Fortschritt denkt, könnte man meinen, dass die Welt damals mit der Welt heute nichts mehr gemeinsam hätte. Aber nein, denn beim Lesen des heutigen Evangeliums habe ich uns – auch mich – geradezu ertappt gefühlt. Wie sehr ähneln die Emotionen der Jünger damals unserem heutigen Gefühlsempfinden.
Wir lesen: „als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren …“. Wie oft höre ich derzeit von Bekannten, dass sie weit weniger unternehmungsfreudig sind als früher. Faschingsfanatiker haben dieses Jahr sogar diesen ausgelassen, weil sie meinten, dass sie die derzeitige weltpolitische Situation zu sehr belaste. Es findet ein Rückzug in die eigenen vier Wände statt. Verwirrende Aussagen von Präsidenten, die Zunahme von falschen Wahrheiten und die Kriegsbilder lassen uns entsetzt hinter die sicher verschließbaren Türen unserer Wohnungen flüchten. Traf man früher im Büro oder bei einem Kaffee zusammen, sprach man auch über Tagesaktuelles. Nun flüchtet man in die Erzählungen über Ausflüge und Nebensächlichkeiten, weil man müde geworden ist, gemeinsam feststellen zu müssen, dass man sich ohnmächtig und ratlos fühlt. Das fühlt sich alleine schon schlimm genug an.
Die Jünger damals waren konkret körperlich bedroht, das sind wir heute nicht, aber wir fühlen uns seelisch bedroht. Immer mehr Menschen sitzen zu Hause auf der Couch, sie schauen nicht einmal mehr fern, weil die Nachrichten zu bedrückend empfunden werden. Sie spüren, dass das keine langfristige Hilfe ist, aber aktuell gibt es keine bessere Strategie der Flucht. Rückzug ist per se nicht schlecht, denn es ist auch eine spirituelle Haltung. Nicht zuletzt Orden leben diese Praxis: Innezuhalten, Ausschau zu halten – den inneren Frieden zu finden. In stürmischen Zeiten ist es wichtig, sich gut innerlich auszurichten – heute bezeichnet man das als Resilienz. Auf dieser Suche nach dem inneren Frieden waren auch die Jünger – sturmgebeutelt von all den schrecklichen Erlebnissen.
Friede sei mit euch – diese Zusage gilt auch uns hinter unseren Türen. Zwei Mal werden im heutigen Text die verschlossenen Türen erwähnt, dreimal die Zusage Friede sei mit euch. Wir dürfen spüren, dass diese Zusage länger währt und Türen durchbricht. Es ist manchmal ein schwieriges Ringen, um diesen inneren Frieden. Hat man ihn erlangt und das erscheint mir die zentrale Botschaft des heutigen Evangeliums zu sein, kann und soll man sich darauf nicht ausruhen, sondern hinausgehen und andere dabei unterstützen, im Leben wieder Tritt zu finden oder sicher zu behalten. „’Friede sei mit euch’. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Was bedeutet das nun? Jesus forderte seine Jünger auf, nach Galiläa zu gehen, dorthin würde er ihnen vorausgehen (vgl. Mt 26,32). Man kann das nun faktisch verstehen oder auch bildlich. Sie sollen auf Spurensuche im Leben Jesu und ihrer ersten Begegnung mit ihm gehen. Wie ist diese Bewegung entstanden? Wie lassen sich Weggefährten finden?
Für Jesus begann der Weg nach Galiläa mit einer familiären Katastrophe. „Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, kehrte er nach Galiläa zurück“ (Mt 4,12). Sein Cousin gelangte in die Fänge des Regimes. „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 4,17). Jesus sprach Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen an, und lud sie ein „Menschenfischer“ zu werden: Sich um Menschen zu kümmern, sich ihren Nöten zuzuwenden, Gemeinschaft zu erleben und Hand anzupacken. Er gab ihnen das Gefühl in Gemeinschaft etwas verändern zu können.
Nach einer ersten Bilanz registrierten die österreichischen Feuerwehren 2025 ein Rekordjahr an Einsätzen, aber auch an Mitgliederzahlen. Die Naturkatastrophen und Unfalleinsätze der Feuerwehren zeigen den Menschen, dass es ein NOT-wendiger Dienst ist. Die Feuerwehren fördern und fordern Menschen, aber ihre Mitarbeit erfüllt die Menschen. Sie erfahren dass sie helfen können, einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Diesen Höchststand an Mitgliedern erreichte die Feuerwehr nicht durch Rekrutierungsaktionen oder aktive Öffentlichkeitsarbeit. Sie tat einfach glaubhaft und nachvollziehbar das, was sie schon immer tat – professionell zu helfen.
Der emeritierte Salzburger Erzabt Birnbacher warnte bei der letzten Ordenskonferenz vor einer „Shrinkflation“ der Kirche. Birnbacher wörtlich: “Wie ‘verkaufen’ wir uns denn da – auf unseren bunt verspielten Homepages? Frisieren wir uns da nicht oft lieber auf … als dass wir hier der nackten Wirklichkeit ins ungeschminkte Gesicht blicken?” Beim Vergleich mit der Feuerwehr fällt auf, dass dort sehr viel in Aus- und Fortbildung und Vernetzung investiert wird. Es gibt klare Mitbestimmungs- und Entscheidungsstrukturen, denn im Einsatz muss es schnell gehen und im Krisenfall muss nachvollziehbar sein, wer entschieden hat. Hier ergeben sich doch Unterschiede, denn die Ausbildungsangebote in kirchlichen Einrichtungen wie auch in Bildungshäusern gehen zurück. Dies aber nicht aus Sparzwang, sondern aus Desinteresse. Entscheidungsfindungen sind vielfach intransparent.
Während Corona stellte sich die Frage: Ist die Kirche systemrelevant? Ist es nicht eher ihre Aufgabe menschenrelevant zu sein? Was kann der Beitrag von Kirche – von mir sein – wenn es in einer Gesellschaft stürmt? Umdenken: Neues ausprobieren, alte Schätze ausgraben z.B. Sabbatruhe einhalten – einen Tag der Familie, Gott und meiner Ruhe widmen, ohne Internet oder Freizeitstress. Neue Formen des Arbeitsstils einüben; wieder mehr Geduld walten zu lassen, mehr Verlässlichkeit und Freundlichkeit, dafür vielleicht weniger Aktionismus und mehr Nachhaltigkeit. Mehr mit den Menschen sprechen als über sie. Systemrelevanz bedeutet nicht, sich mittreiben zu lassen, sondern Kontrapunkte zu setzen.
Bischof Bätzing formulierte dies in einem seiner letzten Interviews als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz so: „Dass die Krise der Kirche eine Glaubenskrise ist. Mitgliederschwund und Priestermangel schmerzen, sind aber nur äußere Symptome. Der Glaube an Gott steht heute infrage. Deshalb brauchen wir einen Aufbruch bei der Evangelisierung, und die fängt bei uns selbst an“. Birnbacher sieht den Ansatz darin, “dass wir glaubwürdig und authentisch leben“.
Die Antworten auf die wichtigste Frage Jesu an die Menschen: „Was willst du, dass ich dir tue“ können manche Überraschung bereithalten. Vielleicht auch, dass wir spüren, dass die Bedürfnisse der Menschen andere sind, als wir hinter den Türen vermuten und ihnen zuschreiben.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.