Spüren wir nicht auch die Sehnsucht 1.Lesung: Jes 58,7-10| 2.Lesung: 1 Kor 2,1-5| Evangelium: Mt 5,13-16
Der Text der heutigen Lesung ist komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Es scheint, als würde die Nächstenliebe das Kernstück der Ausführungen von Jesaja sein, dies ist aber nicht der Fall. Wenn der gesamte Text gelesen wird, ist erkennbar, dass es um die Rückbindung der Lebensführung an den Sabbat geht – als Tag der Ruhe.
Die Ausführungen möchten uns einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung näherbringen, und zwar die Einhaltung des Sabbats als Wurzelgrund unseres Handelns. Es geht um ein spirituelles Handeln, das aus der Sabbatruhe erwachsen soll. Einmal in der Woche soll es diese Rückbesinnung auf das Wesentliche geben, zu „einer Quelle, deren Wasser nicht trügt“ (Jes 58,11).
Dieser Tag des Innehaltens ist uns abhandengekommen. Einerseits generell durch die Abgrenzung vom Judentum und andererseits durch unsere Sonntagspraktik. Am Beginn feierten die Christen sowohl den Sabbat als Ruhetag und den ersten Tage der Woche – der gewöhnlicher Arbeitstag war – am Abend mit der Eucharistiefeier als ersten Tag der Woche. Diese Kombination machte biblisch durchaus Sinn. Jesus hat sich ja nie vom Sabbat distanziert oder wollte ihn abschaffen – ganz und gar nicht. Der Sabbat war damals und ist auch heute der letzte Tag der Woche – wie schon im Schöpfungsbericht. Jesu Auferstehung – sie steht für die Überwindung des Todes – ist eine Form des Übergangs, die einen Neuanfang markiert und in eine neue „Welt“ führt. Biblische Erwähnung findet, dass die Auferstehung am ersten Tag der Woche erfolgte. Der Karsamstag – der Sabbat – galt der Grabesruhe.
Später wurden Ruhetag und erster Tag der Woche zusammengeführt. Diese Widersprüchlichkeit spüren wir noch heute. Genau betrachtet ist unsere Sonntagspraktik weder Fisch noch Fleisch. Er ist für uns gefühlt weder erster Tag der Woche, denn Samstag und Sonntag bezeichnen wir hinlänglich als Wochenende. Jeder Wochenkalender beginnt mit dem Montag als erstem Tag der Woche. Auch ist der Sonntag kein wirklicher Ruhetag. Auch nicht in den Pfarren, wo Schnitzelessen, Basare, Sonntagscafes bedeuten, dass immer irgendjemand Arbeit erledigen muss. Im Judentum muss für den Sabbat vorgekocht werden, damit auch die Frau einen Tag der Ruhe genießen kann.
Der Sonntag wird weniger als Tag der Ruhe gefeiert, sondern ist ein Tag der Zerstreuung geworden – ein Tag, an dem Freizeit genossen wird. Das ist ja auch schön. Wir haben so viel überschüssige Energie, dass wir Wochenendreisen, sportliche Aktivitäten, Engagement in Vereinen, Fortbildungen usw. konsumieren können. Es geht uns vermeintlich so gut, dass wir offensichtlich keinen Tag der Ruhe brauchen. Man hört aber immer häufiger, dass Menschen unter burn-out leiden und mühsam lernen müssen, die Last, die auf sie drückt, zu reduzieren – in allen Lebensbereichen. Es ist auch vermehrt zu hören, dass sich Menschen müde fühlen. Die Bereitschaft für Unternehmungen aller Art hat abgenommen. Man bleibt abends eher einmal zu Hause und bucht weniger Unterhaltungsprogramm für das Wochenende.
Die Leichtigkeit des Lebens ist ein bisschen verflogen. Menschen finden die täglichen Nachrichten über Krieg und Größenwahn belastend. Die Seele nimmt sich wieder den Raum zur Ruhe und zum Schlaf. Zum Jahreswechsel und zu Weihnachten waren ungewöhnlich viele Menschen krank, hatten diverse Pechsträhnen, die die Planungen für Fest und Feiern ausgebremst haben. Eine Bekannte meinte, dass sie deshalb für Weihnachten dieses Jahr beschlossen hat, kaum etwas zu planen. Es klang fast so, als hätte sie vor der Tatsache resigniert, dass Pläne durchkreuzt werden. Jedenfalls kommt sie für sich zum Entschluss, dass weniger auch mehr sein könne. Genau dies ist die Absicht des Sabbats: ein Tag Ruhe, gemütliches Beisammensein mit Familie und Freunden, Zeit zum Reden, zum Schlafen, Zeit für das Nachsinnen mit und über Gott, Lesen – all das sind Empfehlungen für den Sabbat. Er dient dazu, die Batterien wieder aufladen zu können, mir, Gott und dem Leben nachzuspüren. Am Sabbat ist es nicht nur verboten Arbeiten zu verrichten, sondern auch Pläne zu schmieden. Dieser Tag gehört sich selbst.
Nicht nur, dass bei der ersten Lesung der Bezug zum Sabbat unerwähnt bleibt, es wird auch der Zusammenhang zum Fasten ausgeblendet. Denn die Einleitung zum heutigen Textabschnitt lautet: „So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? …. Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen?“ (Jes 58,4-6). Wir stehen vor dem Beginn der Fastenzeit. Sie soll uns daran erinnern, wie Jesus sich in die Wüste zurückzog. nicht um sich zu kasteien, sondern sein Leben zu reflektieren, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden, Haltung einzuüben. Es waren 40 Tage der Achtsamkeit und des Hörens. Anschließend suchte er Freunde, Begleiter, Weggefährten, die den unhaltbaren Zuständen etwas entgegenhalten wollten. Er machte sie zu Menschenfischern – damit sich Wertegemeinschaften bilden konnten.
Spüren wir nicht auch die Sehnsucht, Zustände ändern zu wollen und gleichzeitig die mangelnde Kraft des Einzelnen? Vielleicht ergeben sich auch für uns Möglichkeiten, gemeinsam mit Weggefährten sich auszutauschen und im kleinen Zeichen der Veränderung zu setzen. Wir haben bald 40 Tage Zeit darüber nachzudenken.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesája anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korínth anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.