Erbe sein und verwalten 1.Lesung: Jes 5,17| 2.Lesung: Phil 4,6-9| Evangelium: Mt 21,33-42.44.43
Der Begriff des Erbes oder des Erbens wird in der Bibel oft im Zusammenhang mit unterschiedlichsten Erzählungen, Gleichnissen und Bildern erwähnt. Der Apostel Paulus verwendet die Bezeichnung für Christinnen und Christen häufig, „Erbe zu sein“. Was hat es nun mit dem Erbe auf sich? Wofür steht es in biblischen Zusammenhängen.
Im Alten Orient ging es beim Erben um weit mehr als die bloße Weitergabe oder Entgegennahme von Vermögen. Für den Erben bedeutete es, für den Fortbestand und die Sicherheit der Familie, des Glaubens und der gesellschaftlichen Ordnung zu sorgen. Erben bedeutete, Identität zu wahren, Existenzsicherung und die Rückbindung an frühere Generationen. Grundbesitz war Lebensgrundlage. Er galt weniger als Eigentum, sondern eher als Erbland und Lehen.
Eng verbunden sind die Rechte und Pflichten des Erstgeborenen. Er trat nicht nur das finanzielle Erbe an, sondern musste auch das Familienoberhaupt ersetzen, für Witwen und unverheiratete Schwestern sorgen. Grundsätzlich galten Söhne als Erben. Der Koran sowie die Bibel kennen allerdings Ausnahmeregeln für Frauen, wie z.B. die Töchter Zelofhads (Jos 17,3-4).
Erbe zu sein, bedeutete aber noch mehr, es galt auch die spirituelle Linie, den Glauben fortzuführen. Für die Regelung der finanziellen Angelegenheiten gab es schon im alten Assyrien verschriftlichte Testamente. Insbesondere bei den Nomaden hatte aber der feierliche, mündliche Sterbesegen des Vaters (wie man ihn von den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob kennt) rechtlich bindenden Charakter und zielte besonders auf die spirituelle Erbschaft ab. Vielleicht gerade deshalb wurde er zum Streitpunkt zwischen Geschwistern.
Der Begriff Erbe wurde schon früh neben der rein juristischen Anwendung ebenso als Bild für das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen verwendet. Das Land ist kein menschlicher Verdienst, sondern ein Erbe, das Gott seinen Kindern schenkt. Für ein Volk, das lange Zeit als Nomaden oder Sklaven lebte, wurde das verheißene Land Kanaan als Erbteil zur Metapher für Sicherheit, Identität und göttliche Fürsorge. Da dieses Erbe von Gott kommt, ist es heilig. Darin begründet die Pflicht, das Land gerecht unter den Stämmen aufzuteilen, damit jede Familie Anteil an Gottes Segen hat. Das Volk oder das Land wurde als Erbe Gottes gesehen. Wenn nun Gott – wie in der heutigen Lesung – androht, sein Volk zu strafen oder in die Verbannung schickt, überlässt er sein „Erbe“ anderen.
Neben dem Volk und dem Land gilt auch die Weisheit als Erbgut. In den Weisheitsbüchern wird erläutert, dass wer gottesfürchtig lebt, die Weisheit „erbt“, die wertvoller ist als Silber und Gold.
Das Erbe wird im heutigen Evangelium gleich auf drei Weisen thematisiert:
Zum einen das Erbe der Weisheit bzw. der Schrift. Jesus bezieht sich gedanklich in seinen Ausführungen auf den Text aus der ersten Lesung – das Bild des Weinberges des Propheten Jesaja. Jesus will damit verdeutlichen, dass er das Erbe der Tora weiterführt.
Zum anderen als Sohn und damit des materiellen Besitzes. Ihm steht das Erbe des Vaters zu, als dieser wird er in den Weinberg gesandt.
Zum Ende kommt der Verweis auf das spirituelle Erbe: Der Weinberg steht für das Reich Gottes und die Spiritualität der Tora wird zum eigentlichen, unvergänglichen Erbe seines Volkes, das auch dann bleibt, wenn das physische Land verloren geht. Entstehen durch die Anwendung „Früchte“, so bilden diese die Grundlage für ein Leben im Gelobten Land – wo auch immer.
Wer etwas „erbt“, erarbeitet sich das Erbe nicht selbst, sondern er empfängt es als Geschenk, das mit der Pflicht verbunden ist, es zu bewahren und in Ehren zu halten. Der Apostel Paulus formuliert dies im Philipperbrief so: „Und was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein“ (Phil 4,9). Eine der Früchte des Handels ist also der Friede.
Den Winzern, die den Erben umbringen wollten, ging es ausschließlich um den Besitz. Genau dieser Besitz ist aber lediglich Lehen und nur vermeintlicher Besitz. Das eigentliche wertvolle Erbe ist das spirituelle. Ohne dieses wird der Besitz, so groß er auch sein möge, fruchtlos bleiben. Es lässt sich nicht wie materielle Güter in Besitz nehmen. Es gleicht einem Weingarten: er ist Wind und Wetter ausgesetzt, es gibt Phasen des Reifens, der Ernte und der Ruhe, ein fast ewiger Kreislauf. Es bedeutet, das Weinlaub von Zeit zu Zeit lichten zu müssen, manche faule Traube zu entfernen, Rückschnitte und Formen zuzulassen, im Licht der Sonne reifen zu können und durch Stürme zerzaust zu werden.
Glaube ist nicht Tradition und auch nicht Besitz, es ist Leben im Weinberg des Lebens und bedeutet manchmal, viel Geduld aufbringen zu müssen, den Früchten die Zeit des Reifens zu lassen. Das Ende des Evangeliums weist uns darauf hin, dass wir auch nicht gewiss sein können, die einzigen Erben zu sein, sondern gemeinsam mit anderen Völkern und Menschen anderer Religionen Früchte für das Reich Gottes einbringen. Die Beurteilung von Qualität und Quantität der Früchte obliegt dem Eigentümer des Weinbergs.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesája anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philíppi anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.