Zumutungen des Lebens 1.Lesung: Jes 55,6-9| 2.Lesung: Phil 1,20ad-24.27a| Evangelium: Mt 20,1-16
Paulus schreibt seinen Brief an die Gemeinde in Philippi aus dem Gefängnis – vermutlich in Rom. Paulus war mit Herz und Seele Missionar, also Werber für die Sache Jesu. Auch im Gefängnis war er nicht untätig. Neben den Briefen, die er dort verfasste, versuchte er die frohe Botschaft auch seinen Mitgefangenen und dem Gefängnispersonal bekannt zu machen. Er lebte in Not und Verfolgung und auch seine Gemeinde in Philippi lebte unter solchen Umständen. Er ruft sie trotzdem zu Freude und Einigkeit im Glauben auf.
Die Gemeinde in Philippi entsandte Epaphroditus nach Rom, um Paulus im Gefängnis zu besuchen und ihm finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. Zu allem Überfluss wurde er schwer krank, konnte dann aber doch den Brief des Paulus der Gemeinde überbringen.
Paulus beschäftigt sich im Brief mit der Widersprüchlichkeit christlicher Existenz, die er auch in seinem eigenen Leben erfährt. Er war bei Abfassung des Briefs bereits einmal verhört worden und nahm an, dass der Prozess gegen ihn nun bald in die finale Phase käme. Ein Freispruch schien ihm ebenso möglich wie ein Todesurteil. So hin und her gebeutelt zu sein – zwischen Leben und Tod – muss eine schwere existentielle Krise sein. Dietrich Bonhoeffer verfasste in solchen Momenten den Text „Von wunderbaren Mächten wunderbar geborgen“.
Paulus steckt in einer Depression und wird von suizidalen Gedanken heimgesucht. Die Bibel kennt Depressionen wie beim Propheten Jeremia, bei Elija mit den Worten: „Es ist genug, nimm nun, Herr, meine Seele“ (1 Kön 19,4), bei Hanna, die „von Herzen betrübt“ und „verzweifelt“ war (1 Sam 8-10). Es werden auch Suizide erwähnt: ein einziges Mal im Neuen Testament von Judas Iskariot (Mt 27,5), ansonsten in den Geschichtsbüchern des Ersten Testaments wie z.B. Simson (Ri 16,28-31) oder Saul (1Sam 31,4-13). Kommentiert werden die Taten nicht. Jona bietet den mit ihm Reisenden seinen Suizid an, um eine Rettung des Schiffes aus Seenot zu bewirken: „Nehmt mich und werft mich ins Meer“ (Jona 1,12). Er entkommt auf wundersame Weise dem Tod. Dennoch wünscht er sich diesen noch einmal im Zorn über Gottes Gnade gegenüber Ninive. Paulus selbst verhindert einen beabsichtigten Suizid, indem er den Kerkermeister von Philippi, der nach einem Erdbeben erwacht und alle Gefängnistüren offen sieht, von der Verzweiflung in sein eigenes Schwert zu stürzen, abhält (Apg 16,27-33).
Paulus muss stark gebeutelt sein. Er befasst sich mit dem Buch des leidenden Hiob. Er zitiert ihn: „Schon das wird mir zum Heile dienen“ (Hiob, 13,16; Phil 1,19). Paulus hofft auf ein Ende der Gefangenschaft; aber er rechnet mit dem Schlimmsten: „Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!“ (Phil 1, 21-23). Paulus sieht vermeintlich das Ende seines Wirkens und seines Lebens kommen. Er kann nicht mehr.
Der Initiator der “mental health days” meinte kürzlich: „Die beste Prävention von Suizid sei, über Suizid zu sprechen“. Ein verbreiteter Irrtum sei, dass die direkte Frage nach Suizidgedanken einen Suizid auslösen könne. Das Gegenteil sei der Fall. Wer Anteil nehme und auf eine seelische Krise eingehe, signalisiere Betroffenen, dass sie mit ihrer Situation nicht allein seien. 60 Personen sind in Vorarlberg 2025 durch einen Suizid gestorben. Trotzdem wird kaum über das Thema gesprochen. Der Leiter der Telefonseelsorge in Vorarlberg fasst seine Erfahrungen zusammen: „In den meisten Fällen gelingt es uns dann aus dieser suizidalen Einengung, wieder eine kleine Perspektive zu schaffen, zu überlegen: Wem gehe ich ab, wenn ich nicht mehr da bin? Oder welche Pläne habe ich noch?“
Vielleicht wird Paulus durch den Besuch des Epaphroditus aus seinem schwarzen Loch gerissen: „Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe“ (Phil 1,24). Die Botschaft des Briefes an die Philipper konzentriert sich auf die Fähigkeit, sich zu freuen, egal wie schwierig die Umstände sind. Im Brief an die Gemeinde ruft Paulus in Folge seiner Erlebnisse dazu auf, in Eintracht zu leben, denn aus ihr heraus erlebte er Stärkung durch Epaphroditus, seinen Glaubensbruder. Paulus hat durch seinen Besuch und das über die eigene Situation reden können, aber auch über die Sorge um den kranken Epaphroditus, wieder Mut gefasst und gibt der Gemeinde die Empfehlung, dass sie „in dem einen Geist feststeht“ und „in keinem Fall von euren Gegnern einschüchtern lasst“ (Phil 1,27-28). Paulus hat wieder Zuversicht gefunden: „Alles vermag ich durch den, der mich stärkt“ (Phil 4,13).
Depressive Verstimmungen, Depressionen als Krankheitsbild, suizidale Gedanken haben je eigene Ursachen, die nicht vermischt oder verharmlost werden dürfen. Es soll aber auch nicht übersehen werden, dass die Bibel um die Tatsache weiß, dass Zumutungen des Lebens an menschliche Grenzen stoßen können. Paulus verschweigt nicht, dass er am Leben zu zerbrechen droht, er steht dazu, er lernt darüber zu reden und zu schreiben. Er verschweigt auch nicht die Bedeutung eines hörenden und teilnehmenden Herzens, die helfende Hand des Epaphroditus, an der er sich aufrichten kann. Patentrezepte gibt es nicht. Lösungen bietet die Bibel nicht an, aber sie zeigt einen möglichen Weg auf und verschweigt nichts – damals und für heute nicht, auch wenn wir diese Herausforderungen gerne an den Rand drängen.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesája anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philíppi anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.