Christen als Teil der Gesellschaft 1.Lesung: Ez 33,7-9| 2.Lesung: Röm 13,8-10| Evangelium: Mt 18,15-20
Von wem könnte dieser Text aus dem ersten Jahrhundert sein? „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest! Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut. Deshalb ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, Steuer, wem ihr Steuer schuldet, Zoll, wem ihr Zoll schuldet, Furcht, wem ihr Furcht schuldet, Ehre, wem ihr Ehre schuldet!“ (Röm 12,1-7).
Der Text wurde von Paulus verfasst und geht unmittelbar der heutigen Lesung voraus. Vermutlich hätten heute viele mit den Ausführungen des Paulus Mühe: Es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott. Wer sich der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes. Zumindest käme die Frage: Wie meinst du das wirklich?
Die Worte des Paulus sind verwunderlich, wenn bedacht wird, dass die Christen zu einer unterdrückten Gruppe zählten und sich mit den Fragen beschäftigten: Sollen wir Widerstand leisten? Wie und wann? Was können wir mitmachen? Was nicht?
Als Christ Teil der Gesellschaft sein. Paulus suchte damals für die Christen in Rom einen gangbaren Weg. Er schrieb an Christen, die Verfolgung kannten und größtenteils im Untergrund lebten.
Christen leben heute in ganz unterschiedlichen Situationen, in Demokratien, Autokratien, Diktaturen u. a. Wir in Europa haben eine Situation, in der die Religionsfreiheit gewahrt und die Menschenrechte größtenteils gelten. Wir können den Glauben frei leben. Es gibt viele Länder, in denen Christen Repressalien ausgesetzt sind und Versuche bestehen, sie in der Glaubenspraxis zu behindern. Es gibt andere, die ihren Glauben völlig im Untergrund leben müssen.
Wir mögen mit Paulus nicht in allem einverstanden sein, manches ist situations- und zeitbedingt. Ein Anliegen des Paulus bleibt bestehen, nämlich, dass der Glaube in einer konkreten Gesellschaft zu leben ist, sich in einer konkreten Situation zu bewähren hat.
Wir erleben bei ihm die Anerkennung der politischen Autorität und die einer gesellschaftlichen Ordnung. Sie sind von Gott eingesetzt. Was bei diesem Gedanken allerdings mitbedacht werden muss und als Einschränkung gilt, dass Christen es ablehnen, einen Menschen – den Kaiser – als Gott zu verehren.
Die Aufforderung zur Loyalität den staatlichen Einrichtungen gegenüber ist bei Paulus eng verknüpft mit dem Bezahlen der Steuer und des Zolls. Zu diesen Themen sagt er: Bleibt niemanden etwas schuldig. Etwas unbedarft könnte gesagt werden, Paulus mahnt die Christen zu einem angepassten Bürgertum.
Mit dem Hinweis: „Niemanden bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe“ geht Paulus weit über ein angepasstes Bürgertum hinaus. Er lädt die Christen ein, das Ihre zum Gemeinwohl beizutragen, Steuer- und Zollabgaben. In diesen Themen sollen sie nichts schuldig bleiben. Schlupflöcher, Hinterziehung oder Korruption werden damit abgelehnt.
Paulus sorgt auf andere Weise für eine alternative Gesellschaft. Im zwölften Kapitel schreibt er: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“ (Röm 12,2). Menschen, die im Bewusstsein leben, dass sie einander die Liebe schulden, verwandeln sich und erneuern ihr Denken. Sie verwandeln ebenso eine Gesellschaft, ihr Denken und Verhalten.
Einander die Liebe schulden ist nicht nur ein demütiges Ertragen von Nachteilen, Beleidigungen oder Verletzungen. Einander die Liebe schulden kann sich im Austragen von Konflikten zeigen, im Eintreten für jene, deren Rechte und Würde missachtet werden. Einander die Liebe schulden ist das Leben von Solidarität. Zynismus, Bloßstellen oder jede Form von Missbrauch werden gemieden.
Einander die Liebe schulden. Wir tragen füreinander Verantwortung. Im Evangelium haben wir vom Weg gehört, wie Jesus einen Menschen in die Gemeinschaft zurückholen will. Zunächst das Gespräch unter vier Augen, dann Zeugen dazu. Sollte die Verständigung nicht gelingen, dann bringe man es vor die Gemeinde. Einander die Liebe schulden schließt die geschwisterliche Zurechtweisung ein.
Mit der Lesung macht Paulus deutlich, dass Paulus die staatliche Ordnung für Christen als Auftrag sieht, stets zu ihrer Erneuerung beizutragen. Ihr schuldet einander die Liebe.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Ezéchiel anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.