Versöhnung ist Arbeit 1.Lesung: Sir 27,30-28,9| 2.Lesung: Röm 14,7-9| Evangelium: Mt 18,21-35
Weil biblische Texte an Sonn- und Feiertagen nur abschnittsweise gelesen werden, gehen manche Zusammenhänge der biblischen Botschaft unter oder fallen nicht auf. Es trifft auch auf das heutige Evangelium zu. Zur Erklärung:
Letzten Sonntag hörten wir vom Vorschlag Jesu, wie in einer Gemeinde bei einem Konflikt vorgegangen werden soll. Jesus beschreibt Stufen der Vorgehensweise: Rede zuerst unter vier Augen und versuche den/die Konfliktpartner/in zu gewinnen. Das Ziel ist augenscheinlich. Ein Mensch soll gewonnen und nicht nieder oder fertiggemacht werden. Sollte das Gespräch nicht fruchten, nimm ein oder zwei Personen dazu. Sollte ein Gespräch zu dritt oder viert zu keiner befriedigenden Lösung führen, dann bring es vor die Gemeinde.
Dann wird es spannend: Was tun, wenn sich ein Konflikt selbst von einer versammelten Gemeinde nicht lösen lässt, wenn jemand keine Einsicht zeigt? Jesus verweist auf eine Abgrenzung: So sei die Person für dich wie ein Heide oder Zöllner. Heiden und Zöllner waren Personen, mit denen man praktisch nichts zu tun hatte. Man hat sie gemieden. Ein aufreibender Dauerkonflikt soll damit umgangen werden.
Jesus schließt diese Unterweisung mit der Feststellung ab: „Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“
Es geht – nochmals – um die Frage: Was tun, wenn sich ein Konflikt nicht lösen lässt, keine Versöhnung möglich ist?
Für den glaubenden Menschen bleiben Perspektiven. Sie betreffen den spirituellen Umgang mit solch herausfordernden Situationen. Es ist zunächst das Gebet, das Vertrauen in die Kraft des Gebetes. Denn Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, Vertrauen und Ähnliches sind Zustände, die nicht einfach machbar sind. Auch wenn wir unseren Beitrag dazu leisten können, sollen oder vielleicht auch müssen, bleiben sie letztlich ein Geschenk – ein Geschenk Gottes und ein Geschenk der Mitmenschen.
Die Gefahr bei Konflikten, die nicht so ohne Weiteres lösbar sind, ist, dass sie einen Menschen auffressen oder sich Menschen im Hass, in einer Feindschaft gar verlieren und letztlich selbst Schaden nehmen. Im Gebet wächst die nötige Distanz. Es verweist mich auf jenen Gott, der der Ungerechtigkeit auf Dauer keine Zukunft gibt, dessen Wille zutiefst der Friede und die Gerechtigkeit sind. Im Vertrauen auf ihn, kann ich Konflikte loslassen, kann ich vielleicht Lösungen eine Chance geben, die ich noch nicht sehe oder kenne. Gott vermag heilsam auf Wegen zu führen, die von Hass und Feindschaft vergiftet sind.
Unlösbare Konflikte – Jesus kannte sie und ebenso die Urgemeinde. Es ist der Grund, weshalb der Evangelist diesen Text verfasste. Konflikte, die sich nicht lösen lassen oder die nicht gut gelöst sind, hinterlassen Wunden, ziehen Gräben, wirken zerstörerisch auf Beziehungen und Gemeinschaften.
Da setzt nun das Evangelium des heutigen Sonntages ein und weist auf eine besondere, zusätzliche Thematik hin:
Es ist die Leitung gefragt. Petrus und nicht irgendeine Person auf der Straße stellt an Jesus eine ergänzende Frage: Wie oft muss ich vergeben? Siebenmal? Menschen, die eine leitende Aufgabe innehaben, stehen im Schussfeld von Kritik, Anfeindungen, Auseinandersetzungen u.ä. Sie müssen mit Wut, Zorn und Hass rechnen. Petrus fragt: Wie oft muss ich vergeben?
Das Evangelium macht deutlich, wie sehr Jesus die Leitungsaufgabe – bzw. Nachfolge – mit Versöhnungsarbeit verbindet. Solange Menschen ernsthaft Besserung zusagen, bleibe versöhnungsbereit, und zwar: siebenundsiebzigmal. Mit anderen Worten: das Zählen kannst du lassen.
Menschen, die unversöhnlich, womöglich erpresserisch agieren, taugen nicht für die Leitungsaufgabe einer Gemeinde, bzw. nehmen die Leitungsaufgabe im Sinne Jesu nicht wahr. Menschen dagegen, die ihre Aufgaben – und mögen sie unbedeutend erscheinen – versöhnungsbereit leben, werden zu leitenden Menschen einer Gemeinschaft, einer Gemeinde. Sie sind die „Petruse“ und „Petras“ – Fels, auf dem eine lebendige Gemeinschaft gründet – oder eben erst gründen kann.
Es folgt darauf das Gleichnis vom König mit den Dienern. Für mich Hinweis auf einen Denkfehler, dem Menschen beim Abwägen der Schuld leicht verfallen können. Die Schuld anderer erscheint ihnen immer größer als die eigene zu sein. Versöhnung ist Arbeit, vor allem Arbeit an sich selbst.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesus Sirach anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.