Widerstand durch Herzensbildung 1.Lesung: Weish 6,12-16| 2.Lesung: 1 Thess 4,13-18| Evangelium: Mt 25,1-13
Ich will heute auf die erste Lesung, das Buch der Weisheit eingehen. Die Texte sind in einer Zeit verfasst, in der die Adressaten in verschiedener Hinsicht zutiefst verunsichert waren.
Das Buch der Weisheit zählt zu den jüngsten Texten des Ersten Testamentes, das heißt, es dürfte nach 40 v. Chr. in Alexandrien entstanden sein. Dort lebte eine große jüdische Gemeinde. Bildung spielte eine wichtige Rolle. Für uns bemerkenswert dürfte sein, dass diese Schrift im Judentum nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurde, also nicht als verbindliche, heilige Schrift gilt. Sie hatte allerdings eine bedeutende Wirkungsgeschichte in der frühen Kirche.
Das Buch der Weisheit dürfte eine Reaktion auf einen Brief des Kaiser Klaudius (41 v. Chr.) sein. Er lehnte endgültig das Bestreben der Juden auf ein volles Bürgerrecht ab. Die Juden blieben somit Menschen ohne Bürgerrecht: Man kann sie jagen. Man kann sie als Sklaven verkaufen. Sehr eingeschränkte Rechte. Was tun, wenn man nicht an Richter, an einen König, an Autoritäten appellieren kann?
Diese glaubende Gemeinde sucht nach Weisheit. Sie sucht trotz allem nach Herzensbildung. Sie gibt nicht auf. Sie gibt sich nicht dem gewaltsamen Terror hin. Sie verliert sich nicht in der Kleinkriminalität oder Magie. Sie verfällt nicht dem Schwarzsehen, auch nicht einem sich zu Tode jammern.
Diese Suche nach Weisheit, nach Herzensbildung ist der Widerstand der Gemeinde. „Über die Weisheit nachzusinnen, ist vollkommene Klugheit“ (Weish 6,15a), so ihre Überzeugung. Diese intensive Auseinandersetzung mit der Weisheit begann im Judentum durch die Eroberung des Nahen Ostens durch Alexander dem Großen im 3. Jh. v. Chr. Der Hellenismus war eine hochstehende Kultur und für das Judentum eine Herausforderung. Israel sagt: Die Weisheit beginnt mit der Gottesfurcht. So lautet es im Buch der Sprüche: „Die Furcht des HERRN ist Anfang der Erkenntnis, nur Toren verachten Weisheit und Erziehung“ (Spr 1,7). Die Gottesfurcht steht der Menschenfurcht gegenüber. Fürchte keine menschliche Autorität, lass dich nicht erpressen. Fürchte Gott, der dich segnet, der dich groß macht, der deine Würde und Freiheit achtet und Garant für beides bleibt. Er ist der wirkliche Hüter deines Lebens.
Wie schon erwähnt, die Weisheit ist mit Herzensbildung verbunden. Sie bleibt nicht vordergründig und oberflächlich. Sie sucht zu verstehen. Sie bedenkt die Umstände und Geschichte von Ereignissen und Menschen. Sie sieht, hört, denkt und entscheidet mit Herz. Sie bedenkt die Folgen und Wirkungen von Entscheidungen. Die Weisheit hat Geduld. Sie lärmt nicht und baut nicht auf Gewalt.
Das Buch der Weisheit, aus dem wir die Lesung hörten, richtet sich vor allem an die Richter, Könige und Herrscher dieser Erde. Sie sollen wissen, dass sie eine geliehene Macht haben und dem HERRN, dem Gebieter über alles, verantwortlich sind, beziehungsweise ER Rechenschaft fordert.
Der Lesung vorausgegangen sind die Worte: „Hört also, ihr Könige, und seid verständig, lernt, ihr Richter der Enden der Erde! Horcht, ihr Herrscher der Massen, die ihr stolz seid auf Völkerscharen! Der Herr hat euch die Gewalt gegeben, der Höchste der Herrschaft, er, der eure Taten prüft und eure Pläne durchforscht.
Ihr seid Diener des Reichs, aber ihr habt nicht richtig Recht gesprochen, das Gesetz nicht gewahrt und den Willen Gottes nicht befolgt. Schnell und furchtbar wird er kommen und euch bestrafen; denn über die Großen ergeht ein strenges Gericht. Der Geringste erfährt Nachsicht und Erbarmen, doch die Mächtigen werden geprüft mit Macht. Denn der Gebieter über alles scheut niemand und weicht vor keiner Größe zurück. Er hat Klein und Groß erschaffen und trägt gleiche Sorge für alle; den Mächtigen aber droht strenge Untersuchung. An euch also, ihr Machthaber, richten sich meine Worte, damit ihr Weisheit lernt und euch nicht verfehlt“ (Weish 6,1-9).
Natürlich gilt das Streben nach Weisheit für alle Menschen, aber in besonderer Weise fordert sie das Buch der Weisheit von Menschen, die im Dienste des Volkes, im Dienste von Menschen, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stehen.
Wir hören, beziehungsweise lesen dann weiter: „Über sie (die Weisheit) nachzusinnen, ist vollkommene Klugheit; wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei. Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt ihnen entgegen bei jedem Gedanken. Ihr wahrhafter Anfang ist Verlangen nach Bildung; Bemühen um Bildung aber ist Liebe“ (Weish 6,15-17).
Die Suche nach Weisheit – Herzensbildung – ist Liebe. Tendenziell erleben wir eine Welt, die sehr aufgeregt und fahrig wirkt, in der Proteste in Gewalt umschlagen, in der das Hören aufeinander und das Vertrauen in Institutionen Not leidet, in der die Freiheit und die Würde von Menschen in Frage gestellt werden.
Die Suche nach Weisheit – Herzensbildung – ist eine mögliche Antwort, eine Antwort der Liebe.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch der Weisheit anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalónich anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.