Die Welt im Gleichgewicht halten 1.Lesung: Offb 7,2-4.9-14| 2.Lesung: 1 Joh 3,1-3| Evangelium: Mt 5,1-12a
Wenn wir heute Allerheiligen und morgen Allerseelen begehen, wirkt es, als gäbe es einen Gedenktag erster und zweiter Klasse. Diese beiden Tage erlebten in ihrer Deutung allerdings einige Veränderung.
Im Lauf der ersten Jahrhunderte gab es zahlreiche Heilige. Es wurden so viele, dass es schwierig wurde, jedem Heiligen ein eigenenes Fest zu widmen. Daher wurde ein gemeinsamer Tag eingeführt. Die Angaben, wem gedacht werden soll, sind auf kirchlichen Internetseiten unterschiedlich: Einerseits wird darauf hingewiesen, dass Allerheiligen an jene erinnert, die wir als Vorbilder in Glauben und Leben sehen. Anderseits aber auch, dass wir an Allerheiligen der „verherrlichten Glieder der Kirche, die schon zur Vollendung gelangt sind“, gedenken.
Lange Zeit galt der Gedenktag im Volksglauben all jener, die von offiziell kirchlicher Seite heilig oder selig gesprochen worden sind. Eine Heiligsprechung ist ein feierlicher, kirchenrechtlicher Akt des Papstes. Der Papst erklärt damit offiziell, dass ein verstorbener Mensch im Himmel bei Gott ist und weltweit als Heiliger verehrt werden darf. Notwendig sind ein vorbildliches, tugendhaftes Leben (oder ein Martyrium) sowie der offizielle Nachweis von mindestens zwei Wundern. Insbesondere wir in Österreich konnten erfahren, dass die Wunderauswahl und die Wahl der Person merkwürdig sein können. Gleichgültig wie die Auswahl erfolgen mag und wie viel Unterstützung sie aus der Reihe der Gläubigen erfährt, ist offensichtlich, dass viele Menschen, die es verdient hätten, diesen offiziellen Rang nicht erhalten.
Ende des 10. Jahrhunderts wurde der Tag Allerseelen als zusätzlicher Gedenktag eingeführt. Die Erklärungen zu diesem Tag wirken etwas aus der Zeit gefallen. An ihm erinnert man sich all jener „Armen Seelen“, die sich im sogenannten Purgatorium (Fegefeuer) befinden und die die volle Gemeinschaft mit Gott noch nicht erreicht haben.
Man gewinnt den Eindruck, als müsse sich kirchliche Hierarchie auch im Jenseits widerspiegeln. Nicht umsonst hat sich die Widmung von Allerheiligen geweitet. Er gilt nun nicht mehr ausschließlich offiziell heiliggesprochenen Personen, sondern allen Menschen, die ein vorbildliches, gütiges und im Glauben verwurzeltes Leben geführt haben. Das Totengedenken im Allgemeinen hat sich von Allerseelen auf Allerheiligen verschoben. Er gilt nun als Tag des Totengedenkens.
Allerheiligen fällt in eine trübe Zeit, oftmals des grauen Herbstnebels. Nicht umsonst spricht man von „Allerheiligen-Wetter“. Obwohl für viele Menschen religiöse Gedenktage an Bedeutung verlieren, bleibt um diese Jahreszeit die Verbindung von Tod, Sorge, Angst, Trauer ein realer Gedanke. So kam es zu einer sehr weltlichen und kommerziellen Überlagerung durch das Fest Halloween. Nach altem heidnischem Brauch war in dieser Nacht die Grenze zur Geisterwelt besonders schmal, sodass Verstorbene und Geister auf die Erde kommen konnten. Um sich vor bösen Geistern zu tarnen und sie zu vertreiben, verkleideten sich die Menschen furchterregend und zündeten große Feuer an.
Ganz andere Schwerpunkte legen die biblischen Texte des Tages, sie machen Mut und geben Hoffnung:
Die Palmzweige in der Vision des Johannes stehen nicht für unseren Palmsonntag, sondern für das jüdische Fest Sukkot. Es ist das herbstliche Erntedankfest. Nach der Bedrängnis des Lebens sammeln sich alle Nationen und Stämme, Völker und Sprachen vor Gott. Auch unter ihnen gab und gibt es heilige Menschen. Am Tag der Ernte dürfen alle auf Gottes Barmherzigkeit hoffen bzw. bedürfen dieser. Keiner kann mit ganz reinem, weißem Gewand vor Gott treten.
In den sogenannten Seligpreisungen wendet sich Jesus an zwei Gruppen. Einerseits an die unerkannt Leidenden – jene, die still leiden (müssen) und ihren Schmerz im Inneren (mit-)tragen sowie die Trauernden, ungerecht behandelte Menschen, die Verfolgten, die Ausgegrenzten. Anderseits an jene, die gerne übersehen werden bzw. unbemerkte Sorgearbeit leisten: die Sanftmütigen, die Barmherzigen und die Friedensstifter. Sie alle werden von Gott nicht übersehen und erhalten unermesslichen Lohn. Es sind die Heiligen des Alltags. Jene, deren Namen nie groß verlesen wird. Es sind die Menschen, die im Widerstand zu illegalen Machenschaften stehen; jene, die helfen, wenn der Sozialstaat löchrig ist; alle Ersthelfer, die einspringen bis die Rettungskette in Kraft kommt; jene, die im Alltag an Bahnsteigen jemandem einen freundlichen Blick zuwerfen oder einen Sitzplatz zur Verfügung stellen.
Eine jüdische Legende erzählt, dass das Schicksal der Welt auf 36 Gerechten ruhe. Diese heiligen Personen sind verborgen. Niemand weiß, wer sie sind, ob arm oder reich, Flüchtlinge, Frisörinnen, Soldaten oder Hausfrauen. Sie sind namenlos, aber ohne ihre selbstlosen Werke wäre die Welt längst zerstört. Die talmudische Überlieferung besagt, dass es in jeder Generation 36 Gerechte auf der Welt gibt. Stirbt einer von ihnen, nimmt sofort ein anderer seine Stelle ein.
Auch wenn wir viele Heilige des Alltags übersehen, jene die Sorgearbeit leisten und unerkannt bleiben, sie werden von Gott gesehen. Die Leidenden erfahren Trost, Sättigung, Erbarmen, erhalten Erbschaft und Himmelreich und die Fürsorglichen sind Kinder Gottes und werden ihn im Himmelreich schauen. Jesus fegt jede Hierarchie vom Platz und gedenkt jener verborgenen Menschen – im Talmud sind es die 36 Gerechten – die unsere Welt durch Mitmenschlichkeit und Solidarität im Gleichgewicht halten – „aller Heiligen“.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Offenbarung des Johannes anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Johannesbrief anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.