Fehlerkultur erarbeiten 1.Lesung: Sir 24,1-2.8-12| 2.Lesung: Eph 1,3-6.15-18| Evangelium: Joh 1,1-18
Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres. Es ist die Zeit der guten Vorsätze. Einerseits wissen wir, dass es für Verhaltensänderungen immer wieder neue Anläufe braucht – würden wir sie nicht unternehmen, bliebe alles beim Alten und wir den Verstrickungen des Alltags ausgeliefert. Andererseits kennen wir alle die Erfahrung, dass von den Neujahrsvorsätzen meistens wenig in die 365 Tage des Jahres einfließt. Vielleicht sind die Neujahrsvorsätze aber auch nichts anderes als die Übersetzung von den Jesus-Worten: denkt um bzw. kehrt um! Aus der Verhaltensforschung wissen wir, dass Verhaltensänderungen nicht einfach sind. Warum hängt nun aber Paulus die Latte so unerreichbar hoch? „Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm“ (Eph 1,4).
Zur Gänze heilig und untadelig zu leben, ist wohl ein Ziel, das niemand erreichen wird, dennoch bleibt es anzustreben. Im Christentum hat sich die Kultur entwickelt, Menschen Heilig zu sprechen. Paulus kannte lediglich den Zaddik: einen gerechten, rechtschaffenen Menschen bzw. jemand, der die Gesetze Gottes lebt. Der Hl. Josef wird in der Bibel als Zaddik bezeichnet. Das bedeutet aber nicht, dass sein Leben davor oder danach tadellos gewesen wäre. Biblisch gerühmt wird er für seine Haltung, in einer Notlage geholfen zu haben, ein Stück „Himmel“ auf Erden zu ermöglichen, Gerechtigkeit und Recht im Sinne Gottes auf Erden zu schaffen.
Die ersten Heiligen waren Märtyrer, die für ihren Glauben starben, wie z.B. der Hl. Stephanus. Am Beginn war es der Zuspruch der Gläubigen, später wurde die Heiligsprechung eine Erklärung des Papstes über das vorbildlich christliche Leben. Anschließend darf die betreffende Person weltweit verehrt werden. Ein wissenschaftlich unerklärliches Wunder muss nachgewiesen werden. Dem Papst steht es auch frei, Persönlichkeiten ohne Nachweis eines Wunders heiligzusprechen. Es überrascht vermutlich nicht, dass mittlerweile einigen heiliggesprochenen Menschen nicht nur gutes, sondern auch verwerfliches Tun angelastet werden musste, Freundschaften mit Diktatoren, Duldung von Pädophilie, Judenhass usw.
Neben der kirchlichen Form der Heiligsprechung, gibt es auch eine gesellschaftliche Form der Überhöhung von Menschen. Das reicht von Straßennahmen über Statuen. Vor Weihnachten wurden schwere Verfehlungen rund um den Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, bekannt. Nicht nur dies, sondern auch die Verschleierungen der Verantwortlichen inklusive Redeverbote innerhalb der Organisation, denn es dürfe das Bild dieser angesehensten Persönlichkeiten nicht ins Wanken gebracht werden, es wäre auch eine Schädigung der Organisation. Das sind Umgangsformen, wie wir sie von den Missbrauchsfällen in der Kirche kennen. Mit 146 Auszeichnungen aus aller Welt bedacht, 1958 von Albert Schweitzer für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und mit dem Dalai Lama und Mutter Teresa befreundet, war Gmeiner so etwas wie ein weltlicher Heiliger. Seine Geburtsgemeinde Alberschwende ringt um einen adäquaten Umgang: Soll sein Name überall entfernt werden oder gibt es auch noch andere Formen der Aufarbeitung? Offensichtlich sehen einige Menschen Sachbeschädigung als Lösung an.
Was passiert, wenn Säulenheilige plötzlich vom Podest fallen? Hätte hier die Kirche nicht mehr zu bieten, als auftauchende Verfehlungen unter den Teppich zu kehren oder zu ignorieren? Eigentlich hätte sie das Handwerkzeug für eine gute Fehlerkultur, denn biblisch wird die Fehlerhaftigkeit des Menschen nicht ausgeblendet. Im Judentum gilt es, sich einmal im Jahr an Yom Kippur der Sünden gegenüber Mitmenschen und Gott zu vergegenwärtigen und um Verzeihung zu bitten. Im katholischen Bereich hat sich dieses „um Entschuldigung bitten“, zur Beichtstuhlbeichte entwickelt und – so muss man wohl festhalten – davon entfernt. Der Salzburger Dom verfügt über eine Vielzahl von (ungenutzten) Beichtstühlen. Vermutlich müssen sie aus Gründen des Denkmalschutzes dort verbleiben. Für einen gab es aber eine kreative Umwandlung – vielleicht ganz im Sinne des Sakraments. Er beinhaltet nun einen Erste-Hilfe Station mit Verbandskasten und Defibrillator. Ist es nicht auch bei einer seelischen Wunde bedeutend, dass sie nicht nur vom eigenen Auge wahrgenommen wird? Dass sie von einer achtsamen Person liebevoll und den Schmerz würdigend betrachtet wird? Im Anschluss eine gute Behandlung besprochen wird? Also eine seelische Erstversorgung geschieht, auch wenn die Wunde vielleicht noch lange Zeit benötigt, bis sie wirklich verheilt ist. Diese Diagnose ermöglicht es anderen auch einfacher sagen zu können, wo und warum es schmerzt.
Für viele ist die klassische Beichte aus der Zeit gefallen. Sie war zu einer bestimmten Zeit sicher ein wohlmeinender Versuch, dem Ansinnen „denkt um bzw. kehrt um!“ Raum zu geben. In dieser Art stillt sie aber das Bedürfnis vieler Menschen nicht mehr. Unsere Gesellschaft, unsere Kirche und wir mit ihnen benötigen eine Fehlerbekenntnis-Kultur. Heilig – im Sinne von Unfehlbar – ist Gott. Das, was wir zu einer besseren Welt beitragen, ist mit den biblischen Worten Kohelets „Stückwerk“, wenngleich viele Menschen dazu ganze Brocken beisteuern. Das soll auch gewürdigt werden, aber daraus soll keine Verherrlichung entstehen. Wir Menschen sind und bleiben fehlerhaft.
„Geh hin und sündige nicht mehr“ – diesem Jesus-Wort nachzusinnen und eine Übersetzung ins Heute zu wagen – die Fehlerbekenntnisse enttabuisiert, Aufarbeitung und Versöhnung ermöglicht und Grundlage für eine Resozialisierung bietet – wäre ein großer Beitrag von uns ChristInnen. Wir benötigen neue Umgangsformen mit Fehlern und schuldig gewordenen Menschen – auch mit uns selbst. Ausgrenzung und Sachbeschädigung können keine Lösung sein. Unser Glaube hat im Sinne des heutigen Evangeliums mehr Wort und Licht zu bieten: „Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt“ (Joh 1,17-18)
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesus Sirach anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Éphesus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.