Ins Angesicht schauen 1.Lesung: Num 6,22-27| Evangelium: Joh 1,1-18/Lk 2,16-21
Aus dem Gesicht, Angesicht eines Menschen lässt sich viel ablesen: Wie ist jemand gestimmt, gesund oder krank, wach oder müde, lustig oder traurig…? Oder auch: Stoße ich auf Zustimmung oder Ablehnung? Im Gesicht, Angesicht eines Menschen zeigt sich sein Wesen, sein Inneres.
Jemanden ins Angesicht schauen – vermutlich haben wir damit schon unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Kinder verbergen ihr Angesicht, wenn sie sich schämen oder ganz unsicher sind. Es gibt Menschen, die den Blick in die Augen nicht aushalten. Vielleicht hat es jemand schon erlebt, dass es Mühe macht einer bestimmten Person längere Zeit in die Augen zu schauen, den Blick zu erwidern oder auszuhalten, möglicherweise, weil er so ungewohnt, durchdringend, entlarvend oder beängstigend ist.
Und vielleicht kennt man die Erfahrung, wie wichtig es ist, von einer bestimmten Person angeschaut zu werden und zu spüren, dass ich akzeptiert, wertgeschätzt und angenommen bin. Es bewirkt Sicherheit und gibt Stand. Dagegen wenn Menschen ausweichen und jeden Blickkontakt mit mir meiden wirkt es kränkend, entmutigend und verstörend. Es tut weh.
Mose erhält von Gott den Auftrag, dass sein Priesterbruder Aaron die Leute segnen soll. Er liefert zugleich die Worte mit, mit welchen er die Menschen segnen soll. Gemeint sind die Worte:
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.
Es ist zunächst einmal bemerkenswert, dass es Gott selbst wichtig ist, dass der Mensch den Herrn nicht aus den Augen verliert. Wir sind da an den Anfang der Bibel erinnert, an die Geschichte von Kain und Abel. Sie schildert, dass der Herr nicht auf das Opfer des Kain schaute. Es betrifft nicht einmal Kain selbst, sondern nur das Opfer, das Kain darbringt und von Gott nicht ausgeschaut wird, das dazu führt, dass Kain seinen Bruder Abel tötet.
Von Gott angeschaut sein oder werden steht in Verbindung mit dem Verstehen der Welt, mit dem Zurechtkommen mit ihr und allem, was ist und sich zuträgt. Katastrophen, Schicksalsschläge, schwere Enttäuschungen lassen Menschen zweifeln, ob sie von Gott noch gesehen sind? Ob er ihnen noch zugewandt ist? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Das kann Gott doch nicht sein. So kann Gott nicht sein.
Der Herr lasse sein Gesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Es ist einmal der Wunsch, Segenswunsch, es möge hell um dich bleiben, damit du Wege siehst, die dir offenstehen und die du gehen kannst. Es möge Licht um dich sein, damit dich die Ängste nicht auffressen und du mit dir selbst einen guten Umgang findest, ebenso mit den Menschen um dich und der Welt.
Und weiter soll Aaron sagen: Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden. Es ist davon auszugehen, dass es im Leben von Menschen, im Leben von Familien oder einer Gemeinde Situationen gibt, die einfach verstörend sind, fassungslos machen und das Gefühl der Gottverlassenheit vermitteln. Ihnen gilt der Segenswunsch: Der Herr wende ihnen das Angesicht zu.
Vielleicht steht die Frage im Raum: Was können wir uns unter dem Angesicht Gottes vorstellen? Es gibt mehrere Zugänge, auf einige wenige weise ich hin:
Das Angesicht Gottes zeigt sich in diesen Tagen in den weihnachtlichen Geschichten und Bildern. Ein Kind in der Krippe, der Liebe bedürftig. Er teilt das Schicksal einer kalten Welt mit Steuerlisten, gefährdetem Leben, einer lebensrettenden Flucht, aber ebenso viel Solidarität – Maria und Elisabeth, der Besuch von Hirten, von Sterndeutern mit Geschenken.
Das Angesicht Gottes zeigt sich auch in den Geschichten und Worten der Schrift. Einige seien hervorgehoben: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Selig, die arm sind vor Gott. Selig, die Frieden stiften. Oder: Was tut ihr besonderes, wenn ihr nur die liebt, die euch lieben? Tun das nicht auch die Heiden. Ich sage euch: liebt die Feinde. Jesus, der die Füße wäscht und nicht den Kopf. In diesen und anderen Worten zeigt sich das Antlitz Gottes.
Das Antlitz Gottes ist ebenso die Gemeinde, eine Gottesdienstgemeinde. Ihr ist aufgetragen als Antlitz Gottes zu leuchten, jenen unser Angesicht zuzuwenden, die das Antlitz Gottes aus ihrem Blick verloren haben.
Die Gemeinde ist ein Antlitz Gottes. Wir können es uns nur gegenseitig wünschen und vom Herrn erbitten, dass sein Angesicht über uns leuchtet, damit wir miteinander so umgehen können und der Umgang überhaupt mit Menschen so ist, dass die Welt an uns das Angesicht Gottes sehen und erkennen kann.
Es bleibe der Segenswunsch über dem kommenden Jahr 2026: Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.