Im Loslassen üben 1.Lesung: Gen 12,1-4a| 2.Lesung: 2 Tim 1,8b-10| Evangelium: Mt 17,1-9
Ein Volk, ein Land, eine gemeinsame Sprache. Wer hegt nicht diesen Wunsch? Ist es nicht erstrebenswert? Und doch sei vorweggesagt, dass es ein gefährlich Ding ist. Despoten oder Diktaturen erklären es zu ihrem System: Ein Volk, eine Sprache, ein Land. Vertrieben werden jene, die aus einem anderen Volk, anderem Land kommen oder eine andere Sprache sprechen. Minderheiten stören. Wer anders spricht, stört.
Es gibt diesen tiefen Wunsch eins zu sein: ein Volk, ein Land, eine gemeinsame Sprache. Es ist ein vieldiskutiertes und tiefgehendes Thema mit der Frage: Welcher Weg führt zum Eins sein? Die Bibel gibt zu verstehen, dass es kein neues Thema ist, sondern seit Urbeginn die Menschen beschäftigt. Es beginnt mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel.
Sie begannen mit dem Bau eines Turmes mit der Spitze bis zum Himmel und sagten: So wollen wir uns einen großen Namen machen und damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Gott stieg herab und verwirrte die Sprache und zerstreute sie aus über die ganze Erde (Vgl. Gen 11,1-8).
Es gibt an verschiedenen Schaltstellen der Welt Mächte und Kräfte, die sich einen großen Namen machen wollen. Sie fordern eine Sprache. Hält sich jemand nicht daran, folgen Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen. Sie setzen das Recht – Regeln – außer Kraft, erheben Ansprüche auf andere Länder und wollen ein Volk, ein Land sein, und meinen damit verhindern zu können, dass sie sich zerstreuen und das Gemeinsame verloren geht.
Die Turmbau zu Babel Erzählung besagt, wer einen solchen Weg mit dem Bau eines Turmes bis zur Spitze des Himmels einschlägt, verfällt einer gefährlichen Hybris mit fatalen Folgen. Gott selbst steigt herab, verwirrt die Sprache und bringt Zerstreuung. Wobei es klar sein dürfte: Wer mit Druck oder gar Gewalt gegen andere vorgeht, die Einheit erzwingen will, schafft Hass und Feindschaft. Es verhindert gerade das, was für das Eins sein und die Einheit so notwendig ist, nämlich: Vertrauen, Zugewandtheit, Freundschaft.
Die Berufung des Abraham verweist auf den anderen Weg, auf den wirklich alternativen Weg. Zunächst lässt sich sagen, dass es ein Uranliegen Gottes ist, dass der Mensch einen Ort zum Leben hat. Wer sich von ihm rufen lässt, den oder die führt ER in ein Land. Er wird es erst zeigen. Sichtbar wird es jenen, die sich die Offenheit für das Unerwartete bewahren.
Vaterhaus, Verwandtschaft und Vaterland verlassen. Manche fragen: Ist das möglich? Wie ist es zu verstehen? In der Welt damals boten diese drei – Vaterhaus, Verwandtschaft und Vaterland – den Einzelnen den nötigen Rückhalt und garantierten Sicherheit. Dieses „Zieh weg“ könnten wir heute mit dem Wort „Loslassen“ umschreiben. Übe dich im Loslassen.
Ein anderer Zugang zum Verständnis kann folgendes Beispiel sein: Wenn ein Mensch heiratet, lässt er oder sie Elternhaus, Verwandtschaft und oftmals auch Land (ein Dorf) hinter sich und begibt sich in ein Land, in eine völlig neue, offene Situation. Ohne dieses Loslassen hat vermutlich jede Partnerschaft oder Ehe ein Problem. Im Loslassen, nicht im Klammern gewinnt das Leben.
Das Loslassen und von Gott rufen lassen ist unmittelbar mit Zusagen Gottes verbunden. Es sind deren drei: Ich werde dich zahlreich machen, segnen und den Namen groß machen. Es sind im Letzten jene Dinge, die dem Leben Sinn und inneren Frieden schenken.
Ich werde dich zahlreich machen. Sich von Gott rufen lassen trägt Früchte. Es geht um weit mehr als nur um Kinder. Mit Früchte bringen ist ebenso eingeschlossen das Beitragen zu Menschlichkeit, Kreativität, Solidarität, Gerechtigkeit und Würde. Es ist der Beitrag für die Gemeinschaft.
Menschen, die sich rufen lassen, stehen unter Gottes Segen. Gott erweist sich jenen als gut, die das Loslassen pflegen. Es heißt nicht, dass jemand vor kränkenden und verletzenden Erfahrungen oder Fehlern bewahrt bliebe. Abraham selbst macht sehr wohl kränkende Erfahrungen und er verfällt schwerwiegenden Fehlern. Die Geschichte zeigte aber, dass die Hand Gottes auf ihm bleibt. Er wurde trotz allem den Menschen zum Segen.
Und schließlich sagt Gott Abraham zu: Ich werde deinen Namen groß machen. Niemand muss selbst für einen großen Namen sorgen, sondern Gott selbst sorgt dafür. Niemand wird von ihm vergessen. Wenn wir längere Zeit in der Bibel lesen, dann begegnen wir ganz vielen Menschen, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Sie haben aber bei Gott einen großen Namen. Und es sind viele einfache Menschen, die über sich hinauswachsen, weil sie dem Rückhalt Gottes im Leben trauten oder immer noch trauen.
Neben dem Loslassen und den Zusagen finden wir ein Drittes bei der Berufung des Abraham und der Sara. Sie erhalten einen Auftrag, eine Aufgabe: Sie sollen zum Segen sein. Den Menschen gut sein. Die Beziehungen zu den Menschen können sehr unterschiedlich sein. Manchen ist man nahe, anderen fern; manchen begegnet man oft, anderen nur selten; manchen schuldet man großen Dank, von anderen fühlt man sich verletzt.
Einer jeden, einem jeden sei zum Segen wie immer das Verhältnis sein mag. Bei Abraham heißt es, dass er allen Sippen zum Segen sein soll. Es geht nicht nur um die eigene Familie, um die eigene Religion. Sei allen Sippen zum Segen. Es ist der Weg, auf dem wir dem einen Land entgegen gehen, ein Volk werden und eine gemeinsame Sprache finden.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Génesis anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an Tomótheus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.