Umfassendes Denken 1.Lesung: Sir 15,15-20 (16-21)| 2.Lesung: 1 Kor 2,6-10| Evangelium: Mt 5,17-37
Man spürt es Paulus an, dass er mit den Worten ringt. Er will seiner Gemeinde Wichtiges schreiben und gleichzeitig ahnt er, dass es mehr oder weniger nur ein Stammeln ist. Nun einige Gedanken über das zu verlieren, was Paulus damals in Worte zu fassen versuchte, bleibt auf der Ebene des Stammelns.
Paulus ist ganz und gar von der Weisheit Gottes in Anspruch genommen, die für ihn in der Torheit des Kreuzes grundgelegt ist. Im Tod Jesu am Kreuz wird eine Liebe sichtbar, die niemand mit dem Verstand erklären kann. Es ist zugleich eine Liebe, die sich mächtiger als der Tod erweist. Mit und für diese Weisheit ist Paulus unterwegs, verkündet sie, schreibt von ihr und nimmt größte Strapazen auf sich.
Paulus sagt: Es ist eine Weisheit der Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt. Es ist eine Weisheit, die sich jenen erschließt, die Gott lieben. Es ist hier von einem falschen Schluss zu warnen. Gott liebt Menschen nicht deshalb, weil er von ihnen geliebt wird, sondern die Liebe Gottes gilt allen Menschen und erreicht auch alle Menschen. Doch die Weisheit Gottes erschließt sich nur jenen, die Gott lieben. Gott lieben ist umfassend. Wir kennen das Gebot: Du sollst den Herrn lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Denken(Vgl. Mt 22,37).
Es ist eine Weisheit, die nicht so nebenbei erkannt wird oder wächst. Sie erfordert Entscheidung. Sie will gesucht sein. Sie umfasst das Denken, ist also Denkarbeit. Sie gründet ebenso auf Herzensbildung. Vermutlich gibt Paulus hier Biographisches wieder. Nach seinem Bekehrungserlebnis auf dem Weg nach Damaskus lebte er über zehn Jahre zurückgezogen. Es war eine Zeit, in der er die für ihn einschneidende Erfahrung verinnerlichte, tief in das Innere einsickern ließ. Erst danach begann er mit der Verkündigung des Evangeliums.
Paulus schreibt, nochmals: Wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet alles, auch die Tiefen Gottes.
Die Weisheit, um die es Paulus geht, hat ihren Ursprung in einer weiteren Quelle, nämlich im Geist. Worauf bezieht sich Geist? Was spricht Paulus an?
Es führt uns ganzan den Anfang der Bibel, an die erste Schöpfungserzählung: „Die Erde war wüst und wirr (Tohuwabohu) und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Vgl. Gen 1,2). Es ist der Geist, der Leben schafft, der das Chaos ordnet, der Licht in die Finsternis des Daseins bringt. Es ist der Geist, der die gesamte Schöpfung in die Sabbatruhe, in den Schalom führen wird. Gott lieben beginnt mit dem Vertrauen in diesen Geist und setzt sich fort in und aus diesem schöpferischen Geist zu leben.
Das führt uns nun zum Evangelium: Jesus zeigt darin auf, was es heißt, aus dem Geist Gottes zu leben. In einem kurzen Satz zusammengefasst: Dem Leben dienen. Der Lebendigkeit dienen. Das ist Arbeit an der Gerechtigkeit, an gerechten Verhältnissen und Zuständen. Es ist das Wahren der Würde von Menschen. Jede herabwürdigende Äußerung über andere widerspricht dem Geist Gottes. Ich frage mich manchmal, warum belohnen Wähler:innen politische Kräfte oder Parteien, die es in ihrem Programm haben, andere auszugrenzen, herabzusetzen oder zu entmenschlichen. Das ist ein gesellschaftliches Problem, nicht allein der politischen Akteure. Der Schutz der Würde von Menschen ist ein hohes Gebot. Zu beachten ist allerdings, wenn wir in die Bergpredigt hören, dass wir nicht zu sehr am Zeug anderer flicken sollen, sondern es heißt ausdrücklich: Wenn dich deinAuge verführt, reiß es aus. Wenn dich deine Hand zum Bösen verleitet, hau sie ab. Jesus rechtfertigt keine Gewalt gegen andere.
Im Schreiben an die Korinther plädiert Paulus für ein umfassendes Denken, getragen von der Liebe zu Gott und dem schöpferischen, kreativen Geist. Es führt zu einer Weisheit, die sich von der Weisheit dieser Welt und der Machthaber unterscheidet.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesus Sirach anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korínth anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.