Ein Glaube der Berge versetzt 1.Lesung: Jes 56,1.6-7| 2.Lesung: Röm 11,13-15.29-32 Evangelium: Mt 15,21-28
So ein „goschertes Weib“ werden sich die Jünger vermutlich gedacht haben. Jesus sollte sie wegschicken, damit sie wieder ihre Ruhe haben konnten.
Jesus sehnte sich danach, mit seinen Jüngern am Meer ausruhen zu können. Gut möglich, dass er sie auch mit seiner Botschaft vertrauter machen wollte, möglicherweise gab es für die Jünger Frage- und Antwort- Stunden auf dem Weg. Es war vielleicht die Zeit, sich im vertrauten Gespräch mit Jesus auszutauschen. Aber auch die Jünger unter sich hatten Zeit zur Reflexion. Sie waren zwei-drei Tage gemeinsam unterwegs. Es war eine abwechslungsreiche Route, die hinter ihnen lag: vom subtropischen Seebecken am See Genezareth ging es hinauf in die kühleren Berge Galiläas und schließlich hinab an die levantinische Mittelmeerküste. Es war für die Jünger sicher eine angenehme Abwechslung.
Konkret gingen sie in das Gebiet von Tyrus und Sidon – biblisch eine etwas verruchte Gegend. Im Alten Testament repräsentieren diese Städte Reichtum, Hochmut und Heidentum. Sidon ist der Geburtsort der berüchtigten Königin Isebel. Sie heiratete den israelitischen König Ahab und führte den Baals-Kult in Israel wieder ein. Isebel ließ die Propheten Gottes verfolgen. So trieb sie auch den Propheten Elija zur Flucht in die Wüste.
Nicht aus irgendeiner heidnischen Gegend, sondern genau aus diesem Bereich Kanaans stammte diese nervende Frau. Gnadenlos brach sie in die in sich versunkene Weggemeinschaft ein. Die Jünger hatten die ersten Konflikte rund um Jesus miterlebt und hatten gerade angenehme ruhige Tage erlebt. Schlimm genug, dass man die jüdischen Eliten mit ihren Sticheleien zu ertragen hatte, aber nun auch noch das. Jesus bestätigt seinerseits noch einmal seinen Grundauftrag: “Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mt 15,24). Also nichts zu machen für diese arme Frau. Jesus wollte kein Erbarmen zeigen, für diese offiziell Andersgläubige. Vielleicht kam er sich auch durch ihre Anrede veräppelt vor: „Herr, du Sohn Davids!“. Woher sollte sie das wissen?
Dann fällt sie sogar vor ihm nieder und bittet um Hilfe. Jesu Antwort ist unglaublich hart, ungehobelt und gemein: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen“ (Mt 15,26). Er vergleicht die Frau und ihre Tochter mit Hunden. In der Tora werden Hunde mehrfach negativ als streunende, unreine Aasfresser dargestellt, die als unberechenbar und feindlich eingestuft werden.
Die Frau hat nichts mehr zu verlieren und gibt ungehindert ordentlich Gas. Sie lässt sich das so nicht gefallen. Eigentlich musste sie tief gekränkt sein, was hat sie nicht alles Gute von Jesus gehört. Und nun so eine brutale Ansage, keine Barmherzigkeit, kein Entgegenkommen, kein Funken Nächstenliebe und keine Hilfe. Aber ihr diplomatisches Geschick kommt zum Durchbruch. Sie geht nicht in Konfrontation, sondern (ver-) wandelt die Aussage Jesu. „Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ (Mt 15,27). Sie macht aus dem von Jesus gesetzten Punkt, einen Beistrich und fügt eine unbemerkte Tatsache hinzu. Das muss man sich auch erst trauen, so dem „Herrn, dem Sohn Davids“ zu kontern. Ganz nach dem Motto: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Jesus kann das offensichtlich. Der Glaube dieser Frau versetzt Berge. Sie bringt den „Sohn Gottes“ zum Umdenken. Er lässt seinen Grundauftrag von dieser dahergelaufenen Frau in Frage stellen und revidiert ihn.
Wir kennen aus dem Ersten Testament die Begebenheit, dass Abraham mit Gott um die Rettung Sodoms gehandelt hat. Diese biblische Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie ein Mensch mutig für Gerechtigkeit eintritt und dass sich Gott auf das Gebet und die Fürsprache eines Menschen einlässt. „Abraham trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?“ (Gen 18,23). Gott soll nicht übersehen, dass es auch im größten Sündenpfuhl Gerechte geben kann. Im Neuen Testament ist es eine Frau, die in die Verhandlung einsteigt –noch dazu eine Andersgläubige.
Bei Jesus darf der Wille der Frau geschehen: „Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst“ (Mt, 15,28). Diese Formulierung kommt im Neuen Testament nur noch einmal vor, und zwar in Jesu Gebet im Garten Getsemani kurz vor seinem Tod: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26, 40).
Der deutsche Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle mahnt eine größere Beteiligung von Frauen an der Führung der katholischen Kirche ein. Man frage sich: “Ist die jetzige Verfassung sicher gottgewollt?” Kiechle betont: “Was breiten Kreisen in der Kirche nicht oder nicht mehr vermittelbar ist, wird kaum vom Heiligen Geist sein und sollte nicht gemacht werden.”
Das heutige Evangelium vermittelt uns einen Eindruck von der großen Aufgeschlossenheit Jesu für konstruktive Gegenargumente, für Diskussionsbeiträge und Veränderungswillen. Auch andere dürfen recht behalten. Wie sehr verhält sich hier Jesus anders als die Kirchenleitung – nicht nur in der Frauenfrage. Das heutige Evangelium lehrt uns alle, einen scharfen Diskurs zu führen und zeigt auf, dass sich Jesus von einer Frau bekehren lässt, um sich auch den Heiden zuwenden zu können.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesája anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.