Die innere Fähigkeit des Hörens 1.Lesung: 1 Kön 3,5.7-12| 2.Lesung: Röm 8,28-30| Evangelium: Mt 13,44-52
Salomon als Nachfolger Davids hat eine große Bitte an Gott. Er wünscht sich ein hörendes Herz, um sein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. Dazu einige Gedanken:
Salomo wird als idealer König mit einem weisen und verständigen Herzen geschildert. Wer wünscht sich nicht einen solchen Regenten? Wenn man in Jerusalem vom sogenannten Zionsberg zum Ölberg blickt, dann wird der südliche Teil des Bergrückens „Berg des Ärgernisses“ genannt. Der Name geht auf Salomo zurück. Er unterhielt dort einen Harem von mehreren hundert Frauen. Im Bild eines idealen Königs gibt es sogenannte „Kratzer“. Die Bibel kennt keine Scheu auch auf die dunklen Seiten der großen Gestalten hinzuweisen. Trotzdem: Salomon ist Vorbild darin, wie er sein Königtum lebte.
Die Lesung hat allerdings mehr im Blick als nur die Gestalt im 10. Jht. v. Chr. Der Name „Salomon“ ist griechisch und geht auf das Hebräische „Schelomon“, Shalom, Friede zurück. Es ist ein Schlüssel zum Verständnis. Mit „Salomon“ sind Menschen gemeint, die im Frieden sind, die den Frieden suchen, die dem Frieden dienen.
Salomon hat einen Traum, so heißt es. Er träumt davon als König im Frieden zu leben, bzw. mit seiner Regentschaft, dem Volk Frieden zu bringen. Er träumt davon als Mensch im Dienste eines friedvollen Zusammenlebens wirken zu können. Als Christen sind wir zu Königinnen, bzw. zu Königen gesalbt. Mit dem Tun bestimmt jeder Mensch das Miteinander, auch ob es dem Frieden dienlich ist oder nicht. Es ist mehr als eine demokratische Grundwahrheit. Jeder und jede ist Teil des Volkes und hat Macht und Möglichkeiten der Mitgestaltung.
Salomon erklärt, dass es ein großes Volk ist, das man wegen der Menge nicht zählen kann. Zur Zeit Salomons war das Volk noch sehr wohl zählbar. Nicht die Frage des Zählens ist das Thema, sondern die Frage nach der Wirkung des Tuns. Das Denken, Entscheiden und Tun wirkt in einem Ausmaß, dass niemand wirklich im Griff hat. Es hat Auswirkungen, ob ich wohlwollend oder feindlich über jemanden denke, und mag es für niemanden sichtbar sein. Es hat Auswirkungen, wie meine Rede ist – ehrlich oder geheuchelt – und mag sie noch so schön klingen. Es hat Auswirkungen, was ich tue, ob es von anderen bemerkt, kontrolliert werden kann oder nicht.
Es ist Himmelreich, wenn dem Frieden, der Wahrheit, dem Vertrauen, der Gerechtigkeit …, letztlich der Liebe keine Gewalt angetan werden, bzw. wenn Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zur Vision, zum Traum des Miteinanders werden. Salomon lebt für diesen Traum, für dieses Lebensprogramm.
Salomon bittet um ein hörendes Herz, damit er das Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Er braucht dieses hörende Herz, um in Weisheit die Egoismen, verführerischen Interessen und Begierden zu durchschauen und wenn nötig zu entlarven.
Die Bitte des Salomon hat eine besondere Nuance. Er redet nicht von seinem Volk, sondern von DEINEM Volk, gemeint das Volk als Volk Gottes. Das Volk ist nicht sein Besitz, über das er frei verfügen will oder kann. Die Menschen um mich – Frau, Mann, Kinder, Familie, Eltern, Geschwister, Mitarbeiter, Freunde, Nachbarn … – sind keine, über die ich ein Recht habe, frei zu verfügen oder zu bestimmen, woher sie auch immer kommen. Alle sind sie mir von Gott Gegebene, Beigestellte, Schwestern und Brüder. Verleih mir ein hörendes Herz, damit ich dein Volk zu regieren verstehe. Mitarbeiter:innen, Freund:innen – mit ihrer Gesundheit und den Beziehungen – sind nicht mein Besitz.
Ein hörendes Herz: Dieses originelle Bild meint die innere Fähigkeit des Hörens. Es ist das Hören auf Menschen, ein Hören, das die jeweilige Situation mitberücksichtigt, ein Hören auf das eigene Herz und auch ein Hören auf Gott. In diesem Bild kommt die Überzeugung zur Sprache: Vieles mag uns in unserem Leben wichtig sein. Entscheidend ist das hörende Herz, das alle Sinne mit dem Herzen in Beziehung bringt. Frieden, Gerechtigkeit, Himmelreich entsteht in diesem Beziehungsfeld zwischen a) der Realität – sie wird mit den Sinnen wahrgenommen, b) dem Herzen – Sitz der Liebe und der Barmherzigkeit und c) Gott – der mit uns träumt, nämlich: Himmelreich. Das Reich der Himmel oder Himmelreich verstanden als wachsende Freude und wachsender Friede im Hier und Heute.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem ersten Buch der Könige anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.