Ruf zur Nachfolge 1.Lesung: Jes 55,1-3| 2.Lesung: Röm 8,35.37-39| Evangelium: Mt 14,13-21
Paulus befindet sich in Korinth als er den Brief an die Römer schreibt. Er selbst war noch nicht in Rom. Er kennt die Menschen selbst also nicht, sondern hat von ihnen nur gehört. Es fällt auf, dass Paulus zum Unterschied zu den anderen Briefen die Anrede der Gemeinde als „Kirche“ weglässt. Es ist davon auszugehen, dass die Christen bisweilen noch keine gemeinsame Struktur aufbauen konnten, sondern in kleinen Gemeinschaften und dies vor allem im Untergrund, im Verborgenen lebten. Es war gefährlich sich als Christ, als Anhänger Jesu zu zeigen.
Ihr Widerstand gegen die Vergöttlichung des Kaisers und gegen die Gewalt brachte sie in Konflikt mit den Gerichten. Sie wurden verhört, eingesperrt und verurteilt, immer wieder auch welche zum Tod. Diese Justiz diente nicht dem Schutz von Menschenwürde oder Rechten, sondern man wollte Menschen gefügig machen. Verurteilte wurden geächtet, ausgegrenzt, misshandelt, ihrer Würde beraubt. Sie störten das „gottgewollte“ System.
Die Verurteilten ringen mit den Fragen: Ist das, was ich tue, richtig oder bin ich falsch? Wir zählen nicht. Wir sind Verachtete.
Paulus reagiert auf diese äußeren Umstände und legt im achten Kapitel des Briefes an die Menschen in Rom nicht nur ein Herzstück seiner Theologie dar, er bestärkt die Menschen in ihrem Widerstand und begründet ein menschliches Miteinander.
Der Lesung gehen Worte voraus, wie: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein“ (Röm 8,31-34).
Paulus relativiert die herrschende, staatliche Justiz, die für sich göttliche Autorität beansprucht, aber nicht wirklich dem göttlichen Recht entspricht. Jesus, der zur Rechten Gottes sitzt, tritt für uns ein. Wer mit ihm in seinem Geist lebt, muss sich nicht in Frage stellen. Er macht die Menschen gerecht, setzt sie ins Recht.
Paulus knüpft bei Jesus an. Auch er ist Opfer dieser menschenverachtenden Justiz geworden. Ihr Menschen in Rom, die ihr jetzt mit dem römischen Gericht konfrontiert seid, ihr lebt die Nachfolge Jesu. Ihr geht den Weg Jesu.
Paulus schreibt dann weiter: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?“ (Röm 8, 35). Die Leseordnung lässt dann folgenden Satz aus: „Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat“ (Röm 8,36). Es ist ihre Erfahrung, dass man sie als Menschen nicht mehr ernstnimmt; sie gelten als „Abfall“ der Gesellschaft, wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.
Paulus weiter: „Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Röm 8,37-39).
Wenn Menschen in die Maschinerie unmenschlicher Justiz, Verurteilungen und Vorverurteilungen kommen, können sie nicht damit rechnen, dass sie etwas von der Liebe, die in Christus Jesus ist, erfahren. Vermutlich ist sie oft überlagert von Verachtung, Not, Selbstzweifel, Angst u.a. Sie liegt auf der Ebene des Glaubens. Für Paulus ist die Basis sein Schlüsselerlebnis vor Damaskus, bei dem er entdecken durfte, dass diese Liebe Jesus Christi ihm schon galt, als er noch ein Verfolger Jesu war.
Diese Bibelstelle war für Bonhoeffer eine wichtige Orientierungshilfe. Er sah sie nicht als Beruhigungspille für ein leichtfertiges, bequemes Leben, weil ihm diese Liebe Christi verheißen ist. Er sah sie vielmehr als Herausforderung, als Ruf zur Nachfolge, als Beitrag zu einer menschlichen Gesellschaft.
Ein letzter Gedanke, den uns Paulus zumutet: Hüten wir uns davor über Menschen zu urteilen oder über sie richten zu wollen. Jesus, der zur Rechten Gottes sitzt, tritt für die Menschen ein. Das christliche Miteinander, so gibt Paulus zu verstehen, soll nicht vom gegenseitigen Richten bestimmt sein, sondern von der Agape, der hingebenden Liebe, der Sorge füreinander.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesája anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.