Im Namen der ganzen Gemeinde 1.Lesung: Apg 6,1-7| 2.Lesung: 1 Petr 2,4-9| Evangelium: Joh 14,1-12
Die Lesung aus der Apostelgeschichte gibt einen Einblick in die Entwicklung der frühen Kirche in Jerusalem und wie eine Streitfrage gelöst wurde. In der Gemeinde lebte ein judenchristlicher Zweig, mit Mitgliedern aus der jüdischen Tradition und ein heidenchristlicher Zweig, mit Mitgliedern aus der der römisch-hellenistischen Welt und Tradition. Es gab Ärger im heidnischen Teil der Gemeinde. Die Witwen, sie zählten zu einer der benachteiligsten Gruppen der damaligen Welt, wurden nicht ausreichend versorgt, bzw. wurden vernachlässigt. Es war ein Ärgernis, weil es auch um die Glaubwürdigkeit einer christlichen Gemeinde ging. Die Ärmsten wurden im Stich gelassen.
Die Apostel – sie sind der judenchristlichen Gemeinde zuzuschreiben -, wollen diesem Ärgernis Abhilfe schaffen. Für sie ist klar, dass sie nicht allen Anforderungen und Aufgaben gewachsen sind. Daher setzen sie für sich Prioritäten. Ihnen ist wichtig und unerlässlich: die Verkündigung und das Gebet. Sie sehen es als ihre ersten Aufgaben an, das Evangelium den Menschen nahe zu bringen und zu beten, für Menschen zu beten. Manches lässt sich nur mit Gebet heilen, durchtragen, verstehen oder vielleicht auch lösen. Das wollen und können sie nicht aufgeben. Die Versorgung der Witwen würde sie überfordern, zur Verzettelung beitragen und wäre letztlich der Gemeinde nicht dienlich.
Wir lernen daraus: Man kann und muss nicht alles machen. Es gehört zu einer christlichen Gemeinde, dass die Fähigkeiten und Begabungen der einzelnen Menschen gehoben und für die Gemeinde fruchtbar gemacht werden. Die Aufgaben in der Gemeinde gehören verteilt, manchmal auch neuverteilt. Manche Aufgaben sind so wichtig, dass sie unter keinen Umständen eingeschränkt werden dürfen, dafür gibt es anderes, was auch wegfallen kann, auch wenn es einmal gut war. Nochmals: Damals wie heute gilt: Das Gebet und die Verkündigung des Wortes Gottes sind lebensnotwendig für eine christliche Gemeinde.
Doch die Apostel nehmen die Beschwerde und den Ärger ernst. Sie suchen nach einer befriedigenden Lösung. Sie besuchen die Gemeinde. Sie hören sich das Anliegen an. Sie stellen freimütig vor der Gemeinde fest, dass sie diese Aufgabe nicht übernehmen können und schlagen deshalb vor, dass sie Männer aus ihrer Mitte suchen sollen, die von gutem Ruf sind, d.h. Akzeptanz in der Gemeinde haben, und voll Geist und Weisheit sind. Es sollen Männer sein, die die Voraussetzungen mitbringen, um den Dienst zur Zufriedenheit der Gemeinde und im Sinne des Evangeliums tun zu können.
Mir scheint, dass wir von den Aposteln viel lernen können. Man muss sich das ein wenig auf der Zunge zergehen lassen, was da gesagt wird. Nicht die Apostel bestimmen die Personen für den Dienst, sondern sie lassen die Gemeinde selbst auswählen. Sie lassen wählen. Auffallend ist für Insider, dass die gewählten Personen hellenistische und römische Namen tragen, keine jüdischen. Es zeugt vom großen Vertrauen der Apostel in den anderen Teil der Gemeinde.
Es wird immer wieder gesagt, dass die Kirche keine Demokratie sei. Sie ist es nicht. Die Apostel allerdings kennen das Wählen in der Gemeinde und sie akzeptierten die genannten Personen. Es ist gut biblisch, wenn die Gläubigen wünschen in der Auswahl von leitenden Personen eingebunden zu sein, etwa bei der Besetzung von Bischöfen, Priestern u.a.
Dann legen die Apostel den von der Gemeinde gewählten Personen die Hände auf, d.h. sie beten und legen die Hände auf. Die ausgewählten Personen – Diakone – tun diesen Dienst im Auftrag der Kirche, der Gemeinde. Es ist nicht einfach ihr Hobby, auch wenn sie es noch so gerne tun. Ihr Dienst geschieht im Namen der ganzen Gemeinde und der Kirche.
Im Anschluss an diese Bibelstelle zwei Anmerkungen:
Eine erste: In antiken Texten findet sich der Begriff „Diakon“ vor allem für folgende Aufgabenbereiche: für Botengänge unterschiedlichster Art, bei denen Sachen oder Nachrichten im Namen einer Person überbracht werden, für die Ausführung von verschiedensten Aufträgen in verschiedenen öffentlichen und privaten Kontexten, auch für Tätigkeiten im Haushalt, unter anderem wiederholt für den Tischdienst. Es handelt sich ursprünglich um keinen kultischen Dienst mit Weihe und besonderem Status, sondern um ein zu Dienste sein im Alltag. Die junge Kirche hat für neue Aufgaben bewusst Begriffe gesucht, die keinen Kultbezug haben. Diakon ist zugleich ein Wort gewesen, das sowohl für Frauen und Männer verwendet wurde.
Die Apostel begegnen einem Ärgernis, einem Notstand. Eine Lösung im herkömmlichen Rahmen war nicht möglich. Sie führten ein neues Amt ein. Wir sind heute in den Pfarren mit einer Situation konfrontiert, in der die herkömmlichen Strukturen an ihre Grenzen stoßen werden. Ein Stichwort dazu: die weniger werdenden Theolog:innen und Priester. Ebenso werden die digitalen und technischen Errungenschaften noch einiges in der Pastoral verändern. Die Apostel bewiesen damals viel Mut, um zu einer tragfähigen Lösung zu kommen: ein neues Amt.
Die werdende Kirche – Pfarrgemeinde – wird ebenso auf neue Ämter, Dienste, Diakone (im ursprünglichen Sinn) zu bauen haben.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.