Noch ist Osterzeit 1.Lesung: Apg 2,14a.36-41| 2.Lesung: 1 Petr 2,20b-25| Evangelium: Joh 10,1-10
In Texten des Neuen Testamentes finden sich Formulierungen und Aussagen, die als Grundlage für Antisemitismus missbraucht worden sind. Sie erscheinen pauschalierend und verurteilend. Dazu hält das Konzilsdokument Nostra Aetate fest „Auch wenn die Autoritäten der Juden mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann dennoch das, was bei seinem Leiden begangen worden ist, weder unterschiedslos allen damals lebenden Juden noch den heutigen Juden angelastet werden“ (4,6). Am Beginn des heutigen Auszuges aus der Apostelgeschichte findet sich so ein missverständlicher Satz: „Mit Gewissheit erkenne das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg 2, 36). Traurig, dass heute noch so ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz in der Leseordnung als Einstieg verwendet wird, obwohl er zu einem anderen Absatz gehört. Dazu eine Einordnung in den Gesamtkontext.
Im Kapitel zwei der Apostelgeschichte wird uns das Pfingstereignis erzählt. Fälschlicherweise denken wir da gleich an unser christliches Fest. Dies war aber gar nicht der Fall. Die Jünger waren beisammen, weil sie gemeinsam Schawuot feiern wollten. Neben Pessach, Sukkot (Laubhüttenfest) ist es eines der drei Wallfahrtsfeste im Judentum. Es wird dem Empfang der Tora am Berg Sinai an Mose gedacht. Bezeichnet wird es auch als jüdisches Pfingsten – Pentekoste vom griechischen Zahlwort 50, weil es 50 Tage nach Pessach gefeiert wird.
Menschenmassen aus allen Teilen des Orients und Asiens fanden sich zu Wallfahrtsfesten in Jerusalem ein. Es war ein unvorstellbares Menschengetümmel. Von diesem bunten Gemisch erzählt die Apostelgeschichte am Beginn des Kapitels „Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber – wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden“ (Apg 2, 9-11). Plötzlich hört jeder dieser Menschen bzw. Ausländer die einfachen Fischer aus Galiläa in ihrer Muttersprache sprechen. Dies sorgte für Unruhe, Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit. Als den Jüngern von frommen Juden Trunkenheit unterstellt wurde, ergriff Petrus als Sprecher der Gruppe das Wort.
Zu diesem Zeitpunkt lebten und feierten Juden und Christen noch gemeinsam. Die christlichen Gemeinden galten als Splittergruppe unter den damals vielfältigen Gruppierungen des Judentums. Der Diskurs entstand rund um die Mittlerrolle Jesu. Sein Selbstverständnis wird im heutigen Evangelium beschrieben: „Ich bin die Tür zu den Schafen“ (Joh 10, 7). Petrus will für die Nutzung dieser Türe werben. Der Verfasser der Apostelgeschichte tut dies mit durchaus polemischen und harten Formulierungen, denn zu seiner Zeit waren die Auseinandersetzungen zwischen juden-christlichen und jüdischen Gemeinden schon weiter fortgeschritten: „Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer … habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apg 2, 22-23). Wenn Petrus „Israeliten“ anspricht, dann tut er dies als Teil dieses Volkes. Gleichfalls spricht er die jüdischen Gesetzesvertreter an, nicht pauschal das ganze Volk Israel. Er spricht nicht über die Juden, sondern er debattiert als Jude mit ihnen über den Juden Jesus und seine Mittlerrolle zu Gott, dem Herrn. Er sieht Jesus – den einfachen Nazoräer und Juden – als Rufer der Umkehr hin zu einer menschenfreundlichen und barmherzigen Auslegung.
Dieser Ruf der Umkehr ergeht auch an uns. So sieht es zumindest der neue Wiener Erzbischof Gründwidl. In seiner Predigt im Rahmen des Festgottesdienstes der Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz meint er: Regeln, Gebote und Vorschriften dürften nicht Selbstzweck werden, sondern dem “Heil der Seelen” dienen. Er denke etwa an geschiedene Wiederverheiratete oder an Partnerschaften, die nicht dem Ideal des katholischen Eherechts entsprechen. Für diese Menschen gebe es im Kirchenrecht Vorschriften und Verbote. Doch ein bloßer Dienst nach Vorschrift sei zu wenig. Freilich müssten dafür kirchliche Vorschriften und jahrhundertealte Traditionen geändert werden. Aber der Blick auf Jesus, der sich – wenn notwendig – über jüdische Gebote und religiöse Traditionen hinweggesetzt habe, machten ihm Hoffnung, sagte der Erzbischof. Genau darum ging es Petrus. Er warb im Konflikt mit den jüdischen Autoritäten für die Türe der Mildtätigkeit und Menschenfreundlichkeit.
Auch die Pointe am Ende des Kapitels wurde abgeschnitten. Es geht der Apostelgeschichte nicht primär um den Beginn der Kirchenstatistik, wie man vermuten könnte: „An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft
etwa dreitausend Menschen hinzugefügt“ (Apg 2, 9-41), sondern um einen Aspekt, der leider in der Leseordnung gestrichen wurde: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2, 42). Es geht also um das gemeinsame Brechen des Brotes – das Teilen, bei dem alle Kulturen, sozialen Gruppen, mit den unterschiedlichsten Sprachen zusammenfinden. Erzbischof Gründwidl schloss seine Predigt mit den Worten: “Wenn wir als Kirche auf die Forderungen der Bergpredigt hören und auf das Beispiel Jesu schauen, werden Aufbruch und Veränderungen möglich. Wenn wir in der Fastenzeit Tag für Tag versuchen, nicht nur Dienst nach Vorschrift zu machen, sondern die Liebe zu leben, dann wird es Ostern in uns.” Noch ist die Osterzeit nicht vorrüber.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.