Brausen und Feuer am Sinai und zu Pfingsten 1.Lesung: Apg 2,1-11| 2.Lesung: 1 Kor 12,3b-7.12-13| Evangelium: Joh 20,19-23
An Christi Himmelfahrt trafen sich in unserem Pfarrzentrum Vertreter:innen aus verschiedenen Religionen und Konfessionen zu einem Gebet für den Frieden: Serbisch Orthodoxe Christen, Neuapostolische, Katholiken, Alewiten, Vertreter:innen der Moscheen ATIB und ATF. Gäste aus umliegenden Gemeinden, aber ebenso aus dem Sudan und Syrien waren unter den Teilnehmenden. Eine Agape mit Zeit für Begegnungen und Gespräche schlossen das Treffen ab. Der Wunsch nach Frieden, das respektvolle Interesse aneinander und das gegenseitige Wohlwollen trotz der sichtbaren Unterschiede trugen zu einer herzlichen Atmosphäre bei. Das Treffen hatte pfingstlichen Charakter. Viele, die weggingen, zeigten für das Erlebte und das Dabeisein können schlicht große Dankbarkeit und wünschten, dass es weitere Begegnungen gibt.
Lukas schildert uns das Pfingstfest mit Bezügen zum Sinai geschehen. So wie damals Gott Mose erschien im Brausen und im Zeichen des Feuers, so geschieht ein Brausen bei der Zusammenkunft im Haus. So wie damals Gott sein Wort dem Volk schenkte, die Weisung, so schenkt sich Gott jetzt selbst in der Gabe des Geistes. Wie damals das Volk Mose hörte, so hören die Versammelten die Jünger:innen reden. Die Sprachenvielfalt wird nicht aufgehoben. Es gibt keine neue Einheitssprache.
Die Menschen, die den Jünger:innen zuhören, sagen: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören. Es wird hier deutlich, dass die Jünger:innen in einem neuen Geist auftreten. Sie sprechen eine Sprache, die die Anwesenden erreicht. Sie, die von weit hergekommen sind, verstehen sie in ihrer Muttersprache.
Es ist das Mühen der Jünger:innen so zu sprechen, dass sie verstanden werden. Ihre Worte sind einmal nicht religiös-theologisch abgehoben. Ihre Worte haben keinen Standesdünkel, der Uneingeweihte ausgrenzt und zu Außenseitern werden lässt. Ihre Worte kommen nicht aus der Haltung, lernt zuerst unsere Sprache, dann werdet ihr das Gesagte verstehen können. Pfingstlicher Geist errichtet keine Mauern zwischen Menschen, weil sie noch eine unterschiedliche Sprache sprechen. Pfingstlicher Geist erweist sich im Mühen um das Verstehen, im Suchen nach einer gemeinsamen Sprache und dies gerade dann, wenn eine Sprachenvielfalt gegeben ist.
Wir leben wahrlich in einer Zeit mit viel pfingstlichem Geist und dies nicht zuletzt durch technische Errungenschaften. Es ist uns praktisch möglich mit Menschen aus aller Welt, aus allen Kulturen, Völkern und Religionen in Kontakt zu treten, sich auszutauschen, voneinander zu lernen, in Krisen oder Katastrophen Hilfe zu organisieren, zur Menschlichkeit und zum gegenseitigen Verstehen beizutragen. Ja, die neuen Medien machen viel möglich und sind zum Segen.
Und zugleich sind es diese neuen Medien, die Gegenteiliges dieses pfingstlichen Geistes transportieren. Sie sind auch Träger von Hass, bestimmte Menschen oder Menschengruppen werden gemobbt, schlechtgemacht oder pauschal verdächtigt. Manche dieser Medien werden verwendet, um mit falschen Versprechungen und Halbwahrheiten die Gesellschaft zu spalten, die Würde und Integrität von Menschen zu untergraben. Fatal daran ist, dass dies bis dato anonym erfolgen kann, ohne dass es für die Täter Konsequenzen hat. Es gibt auch manche Medien, die ein Geschäftsmodell der Ausbeutung pflegen, die etwa gezielt auf junge Menschen losgehen und sie zu Abhängigkeiten, wie stundenlanges Surfen im Internet verleiten. Bei manchen Jugendlichen führt es zu einer Sucht mit schweren psychischen Folgen. Da sind gesetzliche Regulierungen dringend erforderlich.
Leider hat dieses Kommunikationsklima in diesen Medien, Soziologen verweisen darauf, Auswirkungen auf die Begegnungen und Gespräche des gesellschaftlichen Alltags, sei es in öffentlichen Verkehr, in Geschäften, bei der Arbeit u.a. Um es etwas nobel zu sagen: Bei Fehlern werden schnell Unfreundlichkeiten ausgeteilt. Lob ist so ein kostbares Gut, dass darauf verzichtet wird. Manche werden mehr oder weniger grundlos beschimpft.
Ich darf da nochmals den Satz aus der Apostelgeschichte zitieren, der aus der Menge der Fremden kommt: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören.
Der Geist von Pfingsten sucht das Verstehen, eine gemeinsame Sprache, das einander nahekommen. Man bedenke, die Hörenden sagten: Wieso kann sie jeder von uns in der Muttersprache hören. Sie staunen über das Mühen der Sprechenden, wie sehr sie sich verständlich machten.
Das Pfingstfest stellt einen Kontrapunkt in einer Welt dar, in der das Verstehen von Menschen (teilweise) große Not leidet. Zeichen dafür sind Kriege, Zerstörungen, Drohungen, Missachtung von Verträgen, Verletzung von Menschenrechten u.a.m. Alle diese Dinge belasten das Miteinander schwer. Als Pfingsten in Jerusalem geschah, gab es ähnliche Zustände. Die Jünger:innen sind dem Hass, den Spaltungen und der Gewalt in einem neuen Geist entgegen getreten, mit dem Mühen um eine Sprache des Verstehens.
Liebe Gläubige! Der Heilige Geist, der pfingstliche Geist ist uns geschenkt, um eine Sprache zu finden, die dem Verstehen dient. In diesem Sinn regte Papst Franziskus für die Kirche den „Synodalen Weg“ an. Es ist ein Geist und Weg, der das Verbindende sucht und dem Verbindenden traut. Es ist ein Geist und Weg, der den Frieden lebt und schenkt. Bereits in Worten des Wohlwollens und der Freundlichkeit zeigt sich pfingstlicher Geist und wirkt pfingstlicher Geist; dies in einer Gemeinde, die den Schatz von über 90 Nationalitäten und etwa 30 Religions-, beziehungsweise Konfessionsgemeinschaften beherbergt.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korínth anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.