Zur Ehre und Macht Gottes 1.Lesung: Apg 1,12-14| 2.Lesung: 1 Petr 4,13-16| Evangelium: Joh 17,1-11a
Der heutige Text aus dem Johannesevangelium ist einem Textkompositum entnommen. Er ist Teil einer der vier Abschiedsreden, die Jesus kurz vor seiner Verhaftung spricht.
Im Anschluss an die Fußwaschung ist es Jesus ein Anliegen, seinen Jüngern die Kernelemente seines Wirkens mitzugeben. Der Verrat des Judas und die Verleugnungen durch Petrus standen bereits im Raum.
Die Reden sollen die tiefe Verbindung von Jesus und seinem Vater verdeutlichen. Teil der ersten Abschiedsrede ist „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). In der zweite Abschiedsrede wird diese Verbindung erweitert um die enge Beziehung zwischen Jesus und seinen AnhängerInnen: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir und ich bleibe in euch“ (Joh 15,1-4). In der dritten Abschiedsrede scheinen die Jünger erstmals verstanden zu haben und leisten ihr Glaubensbekenntnis: „Siehe, jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr in Bildreden. Jetzt wissen wir, dass du alles weißt und von niemandem gefragt zu werden brauchst. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist“ (Joh 16, 29-30). In der vierten Abschiedsrede mündet alles in einem großen Fürbittgebet Jesu für die Menschen, die er zurücklassen muss.
Im Johannes-Evangelium wird Jesus als sehr souverän beschrieben – bis in die Todesstunde. Im heutigen Textabschnitt nimmt er aber sehr menschliche Züge an. Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, seinen Nachlass zu regeln. Wer schon einmal einen Menschen bis zum Tod begleitet hat, kennt diese Sorge. Die Trauer darüber, für das gute Leben der Liebsten und Nachkommen nichts mehr beitragen zu können. Die Enkelkinder im Großwerden nicht mehr begleiten zu können, keine Lebenserfahrung mehr vermitteln zu können. Oft wird diese Sorge mit Segenswünschen verbunden oder der Zusage, dass man „von oben“ auf die Liebsten achten werde. Nach dem Tod als Beistand zu bleiben und darüber die Jünger zu versichern, ist Jesus wichtig, aber auch das Erbe – den Nachlass – zu bewahren. So werden von Sterbenden oftmals einzelne Gegenstände mit besonderer Bedeutung oder Geschichte übergeben, oft mit der Auflage, auf manche Dinge ganz besonders achtzugeben und sie bewusst bei bestimmten Anlässen in den Blick zu nehmen. Erinnerungsstücke, deren immaterieller Wert oft ein Vielfaches über dem materiellen liegt. Beistand und Zeichen sollen bleiben, mit der Zusage über den Tod hinaus: ich werde bei dir sein.
Ein Wort, das in den Abschiedsreden Jesu häufig vorkommt, ist „verherrlichen“. Dazu gibt es folgende Definition: es bedeutet, etwas glorifizierend darzustellen, es ideologisch überhöhen, oft um negative Aspekte zu verschleiern. Jesus muss das aber anders gemeint haben, denn so ergäbe der heutige Textabschnitt keinen Sinn. Biblisch bedeutet der Ausdruck „verherrlichen“ – Gott Ehre und Macht geben. Die beiden Worte werden auch als Attribute Gottes verstanden, die Ausdruck seines Wesens sind.
Alle Abschiedsreden münden in ein leidenschaftliches Gebet für die Erkennenden, aber auch für die, die noch fehl gehen werden – Judas und Petrus miteingeschlossen. Jesus ist bereit, Gottes Herrlichkeit auf Erden widerzuspiegeln – Macht und Ehre. Das sind jene Haltungen, die Jesus bei Johannes bis in den Tod am Kreuz begleiten werden. Liebe bis in den Tod, die Bereitschaft das Äußerste zu geben: Zeichen der Macht und Ehre Gottes.
Das Johannesevangelium geht davon aus, dass Gott die Menschen für die Gemeinschaft mit ihm geschaffen hat. Jesus gibt alles, damit diese Gemeinschaft über den Tod hinaus bestehen bleibt. „Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht! … Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht“. Das ist ein gewaltiger Schluss, dem leider ein Stück abgeschnitten wurde. Ich möchte Ihnen dieses Ende nicht vorenthalten: „Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und sie ebenso geliebt hast, wie du mich geliebt hast. Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, weil du mich schon geliebt hast vor Grundlegung der Welt. Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt und sie haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin“ (Joh 17, 22-26).
Die Kreuzigung vollendet Jesu Werk der Verherrlichung Gottes auf Erden. Denn indem er sein Leben hingibt, wird der Welt Gottes unermessliche Liebe zu den Menschen erkennbar. Diese Form der Liebe ist das Ausmaß der göttlichen Macht. In der Schöpfungserzählung steht: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie“ (Gen 1,27). Welche Zusage an Beziehung, wenn Jesus hinzufügt, dass er sich in uns Menschen verherrlicht sieht: „… in ihnen bin ich verherrlicht“ – wir sind Zeichen der Ehre und Macht Gottes. Das ist wohl Zuspruch und Auftrag in einem. Das ist Jesu Vermächtnis.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.