Mit ganzem Herzen und Denken 1.Lesung: Ex 22,20-26| 2.Lesung: 1 Thess 1,5c-10| Evangelium: Mt 22,34-40
Welches Gebot ist das wichtigste? Jesus antwortet darauf mit dem Glaubensbekenntnis Israels. Wobei er manches weglässt, beziehungsweise auch abändert. Im 6. Kapitel des Buches Deuteronomium heißt es: „Höre Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dt 6,4-5).
Jesus lässt den ersten Teil weg, der da lautet: „Höre Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig“. Aber er ändert den letzten Teil ab. Anstelle mit „ganzer Kraft“ zu lieben, heißt es bei Matthäus: „Mit ganzem Denken zu lieben“. Es mag interessant sein, dass die Evangelisten Markus und Lukas dieses „mit ganzer Kraft“ belassen, aber ebenso die Ergänzung zu lieben mit „ganzem Denken“ haben.
Dazu nun einige Gedanken:
Wen oder was gilt es zu lieben? Gott ist ein Geheimnis. Wir können ihn weder fassen und noch über ihn verfügen. Er ist größer als unser Denken, unser Herz und unser Verfassungsvermögen. Was uns bleibt ist das Erahnen, sind Schrifttexte, die von Erfahrungen mit IHM, die seinen Willen, sein Dasein und Wirken erzählen. Gott ist ein Geheimnis. Das Geheimnis ist das Brot für die Seele. Die Seele lebt vom Geheimnis.
An einem Beispiel sei der Gedanke erläutert: Wenn ich von einem Menschen sage, ich kenne ihn oder sie durch und durch, da werde ich nichts Neues erleben können, dann wird dieser Mensch über kurz oder lang uninteressant. Interessant bleibt ein Mensch solange ich an ihm, an ihr Neues, Unerwartetes, Überraschendes entdecken kann. Dieses Unerwartete und Überraschende trägt dazu bei, dass das Leben spannend bleibt. Es mag aber ebenso Grund für Spannungen, Verletzungen, Enttäuschungen und Unerfülltes sein. Dieses Unerwartete und Überraschende hat das Potential für Konflikte und Verstörendes.
Gott zu lieben mit ganzer Seele: Es ist ein Eingestehen, dass ich mit Gott nicht fertig bin und nie fertig werde. In einem Kreis haben wir über die Frage diskutiert: Was ist denn mit Seele gemeint? Es führte zu Beschreibungen: Die Seele ist mein ureigenes Wesen. Sie verbindet mich mit der Welt, mit den Menschen. Sie hat Durst nach Liebe, Anerkennung und Achtung. Sie ist verletzlich. Das Beseeltsein gibt Kraft, Power, macht einen Menschen empathisch und stark.
Gott zu lieben mit ganzer Seele. Mein Wesen ist und bleibt auf Gott hin ausgerichtet, weil im Letzten nur er den Durst nach dem Mehr im Leben zu stillen vermag (vgl. Ps 42 und Ps 63). Vielleicht ist diese Liebe eng mit dem Vertrauen verbunden, dass jemand von IHM getragen ist, selbst wenn der Boden unter den Füssen wankt und schwankt.
Mit ganzem Herzen lieben. Wir wissen, was passiert, wenn jemand eine Arbeit halbherzig tut oder halbherzig eine Beziehung lebt. Es wirkt verstörend und kann zur Folge haben, dass die Freude an der Arbeit, die Lebendigkeit einer Beziehung oder sogar die Freude am Leben selbst verloren gehen. Mit ganzem Herzen Gott lieben. Wer so liebt, gibt viel. Es ist immer ein Wagnis. Mit ganzem Herzen zu lieben ist zugleich ein sich lieben lassen – gerade auch in den Schwächen, Unzulänglichkeiten, in den erfahrenen Verletzungen, im Nichtgenügen. ER ist es, bei dem die Würde und Achtung Bestand haben.
Zu lieben mit ganzem Denken. Wie schon erwähnt, auch Markus und Lukas haben diese Ergänzung. Gott lieben ist mehr als ein Gefühl und mehr als eine Herzenssache. Gott soll mit dem ganzen Denken geliebt werden.
Zwei Gedanken dazu:
Es gibt Situationen im Leben, in denen jemand völlig ratlos und fassungslos sagt: Ich verstehe Gott und die Welt nicht mehr. Es können Schicksalsschläge, völlig unerwartetes Verhalten und Erfahrungen mit Menschen, Unglück oder auch anderes sein. Vermutlich ist dann das Lieben mit ganzen Denken gefordert, um solchen Situationen ohne Überreaktionen oder auf der anderen Seite völliger Entmutigung gerecht werden zu können. Im Denken bleibt zum Beispiel die Frage: Was will Gott mit oder durch dieses Ereignis kundtun? Wozu kann oder könnte es dienen? Ignatius hat in seinen Exerzitien ein spirituelles Leitmotiv. Es ist das Suchen Gottes in allen Dingen. Es geht dabei nicht um ein willenloses Fügen in alle Dinge, sondern um die Suche nach einem guten Weg in die Zukunft.
Ein zweiter Gedanke: Gott lieben mit ganzem Denken. Um Menschen und Situationen gerecht zu werden, ist ein umfassendes Wahrnehmen gefordert. Alles hat Geschichte. Jeder Mensch hat Geschichte und Vergangenheit, die ihn oder sie prägen. Es ist das Denken zugleich gefordert, wenn es um Zukunft geht. Alle Entscheidungen und alles Tun wirken in die Zukunft hinein. Es gilt die Folgen für Mitmenschen, Gesellschaft, Mitwelt u. a. zu bedenken. Ein liebendes Denken schließt Vergeltung, Gedankenlosigkeit, oder das Ausnützen von Schwächen aus.
Gott lieben mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und ganzem Denken. Nach Jesus ist es das wichtigste Gebot. Und gleich wichtig für ihn: Den Nächsten zu lieben wie sich selbst.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Éxodus anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem erste Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalónich anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.