Geben was Gott gehört 1.Lesung: Jes 45,1.4-6| 2.Lesung: 1 Thess 1,1-5b| Evangelium: Mt 22,15-21
Es ist ein rhetorisches Meisterstück wie es Jesus gelingt, erstens die Fallensteller zu entlarven und zweitens, ein zeitloses Kriterium aufzustellen, um das Verhältnis zwischen Glauben und Gesellschaft zu beschreiben. Es geht in seiner Antwort um weit mehr als nur um Geld und Steuern.
Jesus entlarvt die Fallensteller mit der Frage nach der Münze, mit der sie die Steuern bezahlen. Auf dem Zinsgroschen, den damals viele in Palästina in der Tasche trugen, war das Bild des Kaiser Tiberius, der „DIVUS AUGUSTUS“, der Göttlich-Erhabene. Für den Gläubigen Israeliten war es blasphemisch, ein Kaiser, der sich göttlich verehren lässt. Für Israel ist das Ab- und Ebenbild Gottes, der Mensch, ob Mann oder Frau, ob Jung oder Alt, ob Groß oder Klein, ob Schwarz, Rot, Gelb oder Weiß.
Für den biblischen Menschen ist also klar, kein Mensch ist Gott. Keinem Menschen kommt das Recht zu, sich in eine göttliche Rolle hineinzuhieven, d.h. sich über andere zu erheben und sich als göttlich verehren zu lassen. Vor Gott hat jede und jeder die gleiche Würde. „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört.“ Jesus erinnert: Der Kaiser ist nur ein Mensch, aber gerade auch Mensch. Er kann keinen letzten Anspruch über andere Menschen erheben.
Wie viel sollen wir Gott geben? Eine Stunde in der Woche am Sonntag oder ein Gebet in großer Not? Sonst soll uns Gott nicht dreinreden. Es soll hier keine Missverständnisse geben: Es kommt Jesus nicht darauf an, dass ich den Anteil Gottes in meinem Leben „hochfahre“: vielleicht 15% Gott und 85% für mich oder am Ende eventuell umgekehrt: für Gott 85% und für mich 15%. Eine solche Logik würde in die Irre führen. Jesus ist radikaler. Gott steht alles zu: 100%.
Dieser letzte, totale Anspruch über einen Menschen kommt allein Gott zu. Vermutlich gehen heute viele mit diesem Anspruch Gottes ganz unterschiedlich um. Manche kümmert Gott nicht länger. Sie beten nicht, verzichten auf gemeinsame Gottesdienste. Andere halten sich für emanzipiert und behaupten ohne Gott auszukommen. Wieder andere begegnen diesem totalen Anspruch mit Argwohn.
Es ist eine neue Sensibilität gewachsen, wie schnell in der Seelsorge und Begleitung Ansprüche entstehen können, die Menschen übergriffig vereinnahmen – bis hin zu Abhängigkeiten in der konkreten Lebensgestaltung. Werden Menschen durch andere Menschen im Namen Gottes manipuliert und ihrer Freiheit beraubt, spricht man von Missbrauch geistlicher Autorität. Gott wird missbraucht zur Durchsetzung eigener menschlicher Ansprüche. Menschen werden missbraucht, wo sich in seinem Namen charismatische Persönlichkeiten feiern lassen, als wären sie Gott selbst. Menschen werden missbraucht, wo ihnen im Namen Gottes kaum noch Luft zum Atmen bleibt.
Es ist eine Klarstellung angebracht: Auch wenn Gott Anspruch auf mich hat: Er ist der Gott der Freiheit. Gott gibt jedem und jeder die Freiheit, sich ihm gegenüber zu verhalten bis in die Ablehnung seiner selbst hinein. Er hat Weite und zwingt niemanden zur Zustimmung seiner Autorität. Er liebt die freie Antwort der Liebe. Er weiß, dass die Liebe nur wachsen kann, wenn sie frei ist und frei bleibt.
Wenn also vom totalen Anspruch Gottes die Rede ist, bedeutet es weder ein willenloses Unterwerfen unter den Willen Gottes noch ein Fügen unter die Vorstellungen religiöser Autoritäten, die sich selbst gerne an die Stelle Gottes setzen wollen – die Motive meistens geschickt kaschierend.
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört.“ Unter diesem Anspruch relativieren sich alle anderen Ansprüche, die es natürlich auch gibt, wie die des Staates, der Gesellschaft, der Vereine, der Familie, der Freunde u.a. Nie dürfen diese Ansprüche jemanden in einem umfassenden Sinn knechten. Dieser Satz begründet zugleich das Wahrnehmen von Verantwortung. Er stellt sich gegen die Vorstellung, dass ich mein Wohlergehen oder auch das Wohlergehen der Gesellschaft völlig delegieren könnte, womöglich an einen starken Mann oder Partei.
„Gebt Gott, was Gott gehört“: Gott gehört unser Leben. Es ist sein Geschenk. Niemand hat sich selbst das Leben gegeben und niemand hat das Recht über das Leben anderer zu verfügen – vom Anfang bis zum Ende. Mit gutem Recht tritt unser Papst gegen die Todesstrafe ein.
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört.“ Dieses Wort tangiert praktisch jeden Menschen, tangiert vielleicht auf spezielle Weise Menschen, die Verantwortung für Kinder tragen. Kinder haben ein Recht auf Religion, auf Glauben. (Die Figur der Young-caritas in unserer Kirche weist auf dieses Recht hin). Mit jedem Menschen hat Gott seine besondere Geschichte, seine besondere Heilsgeschichte. Kinder dürfen und sollen diese ihre besondere Lebensgeschichte als Geschichte mit Gott kennenlernen.
„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört.“ Es ist ein Satz bei dem es um weit mehr als um Geld und Steuern geht.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Éxodus anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem erste Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalónich anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.
Ein Kommentar zu “Geben was Gott gehört 1.Lesung: Jes 45,1.4-6| 2.Lesung: 1 Thess 1,1-5b| Evangelium: Mt 22,15-21”
Lieber Erich, danke für den lehrreichen Text.
In diesem Text ist für mich sehr viel Inhalt. Ich bin sehr dankbar, dass ich Jesus kennenlernen durfte und dadurch mein Leben um soviel reicher wurde. Ich wünsche auch jeden Menschen, dass er zu Gott findet. Mit ihm vereint zu sein, bedeutet für mich Heilung. Er hat mir das Leben geschenkt und ich versuche auch bei anderen Menschen, dass Interesse für Gott zu wecken. Sie haben ja die Freiheit sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Die Ausrichtung auf Gott ist für mich eine lebenslange Bewusstseinsübung. Gesegnete Grüße