Eure Wege sind nicht meine Wege Dieses Mal gleich zwei Gedanken zum 25. Sonntag im Jahreskreis
Der deutsche Philosoph Volker Gerhardt beschreibt in seinem Buch „Humanität“ den Menschen als ein Lebewesen „das Probleme hat“. In vielerlei Hinsicht trifft es zu. Der Mensch ist gefordert sein Leben zu bestehen, den richtigen Umgang mit sich selbst, mit Partnerinnen und Partnern, Vereinen und Gemeinschaften zu finden. Es gibt Erwartungen und Anforderungen, denen mehr oder weniger gerecht zu werden ist. Man ist konfrontiert mit Unvorhergesehenem, Fehlern, Versagen, Versäumtes, Krankheiten u.a.m. Beinahe täglich steht ein Mensch vor Problemen, die er zu lösen hat.
Auch die gegenwärtige, aktuelle Weltlage macht vielen Probleme. Interessen werden mit dem Recht des Stärkeren angegangen, Verträge und Abmachungen einfach zur Seite gelegt. Kriege und nicht Diplomatie gelten als probates Mittel zur Konfliktlösung. Renommierten Hilfsorganisationen wird die ideelle und materielle Unterstützung entzogen und damit die Not vieler Armen verschärft.
Zugleich können wir sagen, dass die Menschen trotz aller Probleme, großartige kulturelle Leistungen zustande gebracht haben: in der Wirtschaft, in der Technik, in der Medizin, in der Kultur u.a.m. Gerhardt sagt, der Mensch ist nicht nur ein Lebewesen mit Problemen, sondern er ist auch ein suchendes. Er sucht in den Problemen nach Lösungen. Er ist dabei äußerst erfinderisch und vermag vor allem dann viel, wenn mehrere Menschen oder Gemeinschaften miteinander an Lösungen arbeiten.
Vom Suchen ist ebenso in der Frage nach Gott und nach der Hoffnung im Glauben die Rede. In der Lesung ruft der Prophet Jesaja den Menschen zu: Sucht den Herrn! Sucht Gott! Er lässt sich finden.
Dieser Zuruf des Propheten erfolgt in einem Übergang. Die babylonische Gefangenschaft neigt sich dem Ende zu. Eine neue Zeit bricht an. Übergänge mit großen Veränderungen verunsichern. Die Antworten der Vergangenheit taugen nicht mehr. Auch gewohnte „Bilder“ von Gott, beziehungsweise ehemalige Glaubenssätze haben ihre Kraft verloren. Gott ließ es zu, dass sie zu Sklaven, zu Mägden wurden, Menschen ohne wirklichen Rechte. Gott ließ es zu, dass sie als Fremde in einem fremden Land zu leben hatten, oft gedemütigt, ausgenützt und verachtet. Gott ließ es zu, dass sie ohne Tempel und ohne Hohepriester und Priester den Glauben mehr oder weniger praktizierten. Warum haben wir als Volk solches erleben müssen? Was wollte Gott mit uns? War es Strafe? Was hat er vor? Was sind seine Pläne?
Jesaja gibt es offen zu, dass er und vermutlich mit ihm viele, ein Problem mit Gott hatten, wenn er IHM in den Mund legt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken“.
Es waren vor allem Prophetinnen und Propheten, die in dieser Zeit sich diesen Fragen stellten und die mit ihren Antworten das Suchen Gottes aufrecht hielten.
Diese Zeit der Gefangenschaft geht zu Ende? Das Volk steht vor einer neuen Situation. Damit kommen auch die bisherigen Fragen und Antworten, die diese dunkle Zeit begleiteten, ins Wanken. Manche sagen vielleicht, dass das Ende dieser schrecklichen Zeit dem Glück, den günstigen Umständen oder dem Zufall zu verdanken sei. Der Prophet Jesaja genügt eine solch oberflächliche Antwort nicht. Er will mehr bieten.
„Sucht den HERRN, er lässt sich finden.“ Man hat Gott niemals als einen Besitz, auch nicht im Glauben und nicht als Glaubende oder Glaubender. Gott zeigt oder offenbart sich den Suchenden. Maria Magdalena sucht am Ostermorgen den Auferstandenen und kann IHM begegnen. Glauben als bleibendes Suchen nach ihm im Geschehen, im Wandel, in den Veränderungen, in den Umbrüchen der Zeit und dies selbst in Situationen, in denen wir ihn nicht vermuten. ER lässt sich finden. Er ist nahe.
Ja wir sind heute neu gefordert Gott zu suchen in einer Gesellschaft, die vielgestaltig geworden ist. In Hard leben Menschen aus über neunzig Nationen. Es gibt eine Vielfalt an Religionen, christlichen Gruppen, Konfessionen und Gemeinschaften. Es gibt Areligiöse und Atheisten. In meinen Augen ist es kein Suchen Gottes, wenn religiöse Zeichen verbannt oder abgehängt werden oder Kindern das Feiern von Gottesdiensten vorenthalten wird.
Das Suchen beginnt mit der gegenseitigen Wertschätzung und Achtung dessen, was in den verschiedenen Traditionen Anderen heilig ist. Es ist ein Suchen nach dem, was wir über die Grenzen und Unterschiede hinweg gemeinsam Verbindendes haben. Die Welt wäre nicht so, wie sie ist, hätte es Gott nicht gewollt. In dieser neuen, sich veränderten Welt ist Gott nahe, lässt er sich finden. Es wäre dämonisch, sollten Religionsgemeinschaften die Angst voreinander schüren. Vielmehr gilt es heute gemeinsam Gott zu suchen, um Ängste abzubauen, der Würde der Menschen und dem Frieden dienen zu können.