Hören und Sehen, das verstehen will 1.Lesung: Jes 55,10-11| 2.Lesung: Röm 8,18-23| Evangelium: Mt 13,1-23
Dem eben gehörten Evangelium gehen heftige Auseinandersetzungen voraus. So heilt Jesus am Sabbat in der Synagoge einen Mann. Daraufhin planen die Pharisäer Jesus umzubringen. Es kommen die Verwandten zu Jesus – die Mutter und die Brüder – und kündigen Gesprächsbedarf an. Jesus reagiert mit der Frage: Wer ist mir Mutter, Bruder und Schwester? Seine Antwort: Es sind jene, die den Willen des Vaters tun. Dann lässt er sie stehen.
Jesus ist mit Gegenwind und einem wachsenden Widerstand konfrontiert. Die Rede am Ufer des Sees erfolgt auf diesem Hintergrund. Es heißt, dass er lange zu den Menschen spricht. Redebedarf ist dann gegeben, wenn es kriselt oder größere Konflikte anstehen. Mit Bildern aus der Natur deutet Jesus seine Situation, beziehungsweise hält er die Hoffnung aufrecht. Das Wort Gottes fällt auf unterschiedlichen Boden, auf unterschiedliche Bedingungen. Mancher Samen fällt auf den Weg und wird zertreten. Anderer fällt in die Dornen und erstickt. Viel Saat allerdings fällt auf fruchtbaren Boden und bringt reiche Frucht: hundertfach, sechzigfach, dreißigfach.
Jesus hat das Vertrauen, dass die Widerstände sein Wirken nicht zerstören können. Es wird zwar einiges zertreten, verdorren oder ersticken, aber viel der Saat wird aufgehen, wachsen und reiche Früchte bringen. Jemand, der für das Reich Gottes arbeitet, wird dieses Vertrauen brauchen. Man kann noch so sehr darauf achten, dass alles auf guten Boden fällt, es wird nie alles aufgehen. Es fängt im Umgang mit Kindern an: Dürfen Kinder keine Fehler machen, dann werden sie nie zu eigenständigen Menschen heranwachsen. Sollte in Beziehungen jedes Wort passen müssen, wird es keine tiefen Freundschaften oder Partnerschaften geben. Spende ich nur dann, wenn kein Euro in falsche Hände kommt, dann bleibt immer ein Grund sich diesen zu verweigern.
Mit dem Gleichnis spricht sich Jesus für ein großzügiges, weites Handeln aus, ohne groß die Frage zu stellen: Was wird daraus werden? Wer großzügig aussät, wird reichlich ernten können. Wer großzügig teilt, Dank und Lob, Vertrauen und Zutrauen, kann reichlich ernten. Zu dieser Lebenshaltung hat sich Jesus selbst durchgerungen und zu Gleichem will er seine Zuhörer ermutigen.
Die Pharisäer haben viele Regeln, Gebote und Gesetze aufgestellt und die Menschen gelehrt sie zu halten. Doch wer nur so viel tut als geboten und vorgeschrieben ist, lebt noch nicht im Reich Gottes.
Einen zweiten Gedanken greife ich auf. Jesus wendet sich unmittelbar an die Jünger: „Wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“. Es gibt Menschen, die haben das Gefühl, sie kommen immer zu kurz, sie seien stets benachteiligt. Es fehlt ihnen der Blick für das, was sie schon haben und was ihnen zuwächst. Sie sind nicht bereit Samen zu säen, von sich etwas zu geben. Ihre Ansprüche, Forderungen und nicht erfüllbaren Erwartungen belasten mit zerstörerischer Tendenz jede Beziehung und jede Arbeit.
Ein dritter Gedanke des Evangeliums: Jesus zitiert Jesaja: „Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz des Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie nur schwer und ihre Augen verschließen sie …“.
Die Härte des Herzens besteht nicht darin, dass das Volk etwas Böses tun würde, etwa Menschen bedrohen, schlagen oder bestehlen. Grund für die Härte des Herzens kann sein, dass das Gehörte und Gesehene nicht mehr das Herz erreicht. Es ist die Weigerung wirklich hinzuhören und hinzuschauen. Die viele Not oder die vielen schlechten Nachrichten werden zur Überforderung. Man will von den Katastrophen und Kriegen nichts mehr hören. Weil man allein so ohnmächtig ist, bleiben Schritte der Hilfe oder eben Samen der Solidarität aus.
Oder ein anderer Grund kann sein, wenn das Hören und Sehen ohne das Verstehen wollen erfolgt. Nochmals das Wort Jesu: „Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann reiche Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach“. Zum Hören und Sehen gehört das Verstehen und Erkennen wollen dazu. Es ist der Blick hinter das Vordergründige, das ehrliche Interesse an Menschen. Wenn Menschen sich verstanden fühlen, sie sich in einem geschützten Rahmen öffnen können, dann brechen Barrieren ein und Trennendes schwindet. Ein Hören und Sehen, das verstehen will, bereitet den Weg zu menschlicher Nähe und dem Reich Gottes.
Im Letzten geht es darum, Vertrauen in das Gute in den Menschen zu bewahren. Es wird manches auf den Weg fallen und verdorren, anderes in den Dornen ersticken, aber der Großteil wird auf fruchtbaren Boden fallen und Frucht bringen, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre! So wächst Reich Gottes.
Und nochmals: Gutes tun, mit einem weiten Herzen leben – es bringt reiche Frucht. Es lohnt sich auch dann, wenn hin und wieder das Gefühl des Ausgenützt seins oder werden bleiben mag.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jesája anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.