Sendungsaufträge Jesu 1.Lesung: Ex 19,2-6a| 2.Lesung: Röm 5,6-11| Evangelium: Mt 9,36-10,8
Es ist ein Dauerbrenner: Wie organisieren wir uns? Wie organisieren wir uns als Gesellschaft, in der die Geburtenrate sinkt, die Babyboomer-Generation in Pension geht? Wie organisieren wir das Gesundheitswesen? Wie das Pflegesystem? Wie organisieren wir uns, wenn das Geld knapp wird?
Aber nicht weniger haben wir als Kirche die Frage: Wie organisieren wir die Pfarrgemeinden, wenn uns die Priester fehlen? Wir haben viele Priester aus anderen Diözesen. Sie leisten wertvolle Arbeit, aber sie werden auf Dauer die Probleme und Herausforderungen nicht lösen, die auf die Diözese und Gemeinden zukommen. Wir organisieren wir uns?
Dass dies keine neuen Fragen sind, sondern die Glaubensgemeinschaft schon mehrmals beschäftigt hat, lässt sich aus der ersten Lesung und dem Evangelium ablesen. Beide Texte befassen sich mit Situationen, in der neue Strukturen geschaffen werden mussten, d. h. das Volk Gottes jeweils neu organisiert wurde.
Moses ist mit seinem Volk Israel aus Ägypten ausgezogen. Sie haben den Durchzug durchs Rote Meer hinter sich. Sie sind in der Wüste unterwegs und endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ein Lager aufschlagen können und sich ausruhen.
Moses geht auf den Berg. Er steigt zu Gott hinauf. Es folgt ein tiefgehendes Gespräch zwischen den beiden, bei dem Gott festhält: Auf Adlerflügeln habe ich euch getragen und zu mir gebracht. Ihr sollt nun mein besonderes Eigentum sein, nämlich ein Königtum von Priestern und ein heiliges Volk. Bald darauf werden Mose die Steintafeln mit den Geboten übergeben, die er dem Volk kundtun soll.
Es ist ein Übergang. Bisher wurde das Volk von Gott auf Adlerflügeln getragen. Gott entlässt das Volk in die Eigenständigkeit, in die Freiheit. Er rüstet das Volk zu für den Weg ins gelobte Land. Sie sollen den Weg als Königreich von Priestern und als heiliges Volk weitergehen.
Ein Königreich von Priester:innen: Achtet darauf, dass ihr einander zum Segen seid; einander den Geist Gottes, den Willen Gottes erschließt; dass die Begegnungen heilsam sind. Sucht mit- und füreinander Gott.
Ein heiliges Volk: Achtet darauf, dass ihr niemanden zurücklasst. Sorgt für Zusammenhalt. Teilt miteinander, damit niemand Not leiden muss. Heilig hat mit Heil- und Ganz sein zu tun. Es ist zu beachten, dass Gott das ganze Volk in den Dienst nimmt, nicht einzelne, ausgewählte Personen.
Im Evangelium heißt es: Als Jesus die vielen Menschen, die müde und erschöpft waren, sah, beruft er Jünger. Er organisiert, um der Not und den Krankheiten Abhilfe zu schaffen.
Vermutlich haben die meisten schon die Namen der Zwölf gehört. Mein Verdacht ist, dass mit diesen Namen die Bilder von Bischöfen, Kardinälen, Priestern u. s. w. in Verbindung gebracht werden. Dem ist nicht so. Unter den Ausgewählten sind gerade keine Hohepriester aus dem Jerusalemer Tempel. Es sind Männer aus dem Volk mit Berufen, unter anderem Fischer, Zöllner; auch ein Zelot wie Judas Iskariot zählt zu ihnen. Heute würde man ihn vielleicht einen Terroristen nennen.
Jesus ruft die Männer, das sei nochmals erwähnt, damit sie der Not, den Krankheiten und Leiden der Menschen entgegentreten. Sie haben den Auftrag: Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Etwas skizzenhaft, was damit gemeint sein könnte:
Tote aufwecken: Macht Mut den Menschen, die sich selbst aufgegeben haben und die für sich keine Perspektive sehen.
Macht Aussätzige rein: Lasst jenen Achtung und Würde zukommen, die von der Gesellschaft oder Gruppen ausgegrenzt oder ausgeschlossen sind.
Treibt Dämonen aus: Nehmt euch jener an, die von Angst erfüllt sind oder mit Traumata zu kämpfen haben.
Ich weiß nicht, ob wir Priester heute der Sendung Jesu so ganz gerecht werden? Sowohl in der Lesung wie im Evangelium bilden die Erwählten keinen besonderen Stand, der sich vom Volk abhebt, oder sich gar über das Volk erheben würde. Im Vordergrund steht vielmehr der Dienst zum gegenseitigen Heil, zum Heil- und Ganzwerden des Volkes.
Die Gestalt der Kirche wandelt sich. Es wird sich auch wandeln, wie sich Pfarrgemeinden organisieren. Die Schriftlesungen liefern Orientierungshilfen, wie es einmal gedacht war. Sie machen zugleich Mut, dass es weitergehen wird, wenn Wandel sichtbar wird.
Ein letzter Gedanke: Jesus hatte Menschen vor sich, die müde und erschöpft waren. Es könnte bester Boden für Angstmache und Verschwörungstheorien sein. Die auserwählten Apostel sendet Jesus allerdings mit der Botschaft auf den Weg: Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Mit anderen Worten: Ihr dürft mit der Zuwendung Gottes rechnen. Habt Mut. Traut eurer Hilfe und eurem Einsatz und traut der Hilfe Gottes.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Éxodus anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.