Verbindungen prägen 1.Lesung: 2 Kön 4,8-11.14-16a| 2.Lesung: Röm 6,3-4.8-11| Evangelium: Mt 10,37-42
Wenn man den Text aus dem Matthäus Evangelium liest könnte man meinen, es sollten Konkurrenzbeziehungen aufgebaut werden.
Früher war es durchaus üblich, dass man als Kind gefragt wurde: „Wenn hast du lieber? Papa oder Mama?“ Eine furchtbare und unbeantwortbare Frage. Genauso wie die Frage an Eltern, welches Kind, sie den lieber hätten. Es sind diabolische Fragestellungen. Sie erinnern an die Frage der Schlange in der Schöpfungsgeschichte: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1). Diese Frage der Schlange wird zur Grundlage von Feindschaft. „Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse“ (Gen 3,15). Die Verletzbarkeit der Achillesferse kennen wir aus der griechischen Mythologie. Schlange und Mensch werden sich immer wieder dort angreifen, wo sie jeweils am verwundbarsten sind.
Die Frage nach dem liebsten Elternteil oder Kind kann nicht beantwortet werden, weil es für Liebe kein Messinstrument gibt. Ich kann die Länge von Wegen in Kilometern vergleichen oder die Schwere von Gegenständen mit Kilogramm. Jeder Mensch ist einzigartig und daher sind es auch die Beziehungen und ihre gemeinsame Geschichte. Jesus geht es nicht darum, die Beziehungen zu bewerten oder gar in ihrer Bedeutung zu hinterfragen. Die Beziehungen von Eltern und Kindern stehen nicht in Konkurrenz zur Beziehung mit Gott, denn jede ist einzigartig und zielt auch auf ganz etwas anderes ab. Mit den Vergleichen möchte Jesus seine Gleichniserzählungen vom Sauerteig, der alles durchwirkt, und dem Licht, dass man nicht unter den Scheffel stellen soll, mitten im Leben konkretisieren (vgl. Mt 5,14-16).
Verbindungen prägen. Freundschaften und die Erziehung der Eltern wirken bzw. wirken nach. Verhalten steht in Verbindung mit einem Umfeld, nichts kann losgelöst von Geschichte und Biografie bewertet werden. Selbst vor Gericht werden solche Verstrickungen beim Urteil berücksichtigt. Johann Wolfgang von Goethe fasst dies in seinem Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ mit dem berühmten Zitat zusammen: „Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann“. Es ist ein später Roman und gilt als die persönlichste aller Goethe’schen Dichtungen. Wilhelm Meister reist, einem Gelübde folgend, mit seinem Sohn durch die Lande, um Felix eine umfassende Ausbildung angedeihen zu lassen. Kein Dritter soll die beiden längere Zeit begleiten und nirgends dürfen sie mehr als drei Tage verweilen. Trotz der Kürze der Begegnungen werden im Roman die entstandenen Prägungen erzählt.
Goethe las eifrig in der Bibel und im Koran. Und aus beiden Büchern flossen Inhalte in seine Werke ein. Auch die Bibel unterstreicht, dass das direkte Umfeld eigene Entwicklung, den Charakter und die Werte maßgeblich prägen. „Wer mit Weisen umgeht, wird weise, wer mit Toren verkehrt, dem geht es übel“ (Spr 13,20) oder „Der Gerechte findet seine Weide, der Weg der Frevler führt sie in die Irre“ (Spr 12,26). Jesus greift das auf.
Die Beziehungen zu Eltern oder Kindern stehen deshalb nicht in Konkurrenz zur Liebe mit Gott, weil sie nicht vergleichbar sind. Es geht nicht um mehr oder weniger, sondern quasi um einen anderen Inhalt bzw. Bezugspunkt, eine andere Ebene, die unvergleichbar ist und auch deshalb außer Konkurrenz steht. Es geht um nichts Geringeres als um den Zielpunkt, auf den ich das Leben ausrichte, was mein Leben vom Kern aus beeinflusst bzw. um das Samenkorn das gedeihen oder verkümmern kann. Es verhält sich ähnlich wie bei einer Zielscheibe im Sport. Der absolute Mittelpunkt ist von Ringscheiben umgeben. Die Außenkreise kann es nur im Verhältnis zum Zielpunkt geben. Auch der äußerste meiner Verantwortungsbereiche dreht sich noch um den Zielpunkt und hat diesen im Zentrum. Dieser Zielpunkt ist der Sauerteig, der mein Leben durchwirkt und prägt.
Die Formulierung: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,38). Das klingt für unsere heutigen Ohren sehr dramatisch und martialisch. Das Kreuz auf sich zu nehmen kann man vielleicht auch so verstehen, dass man bereit ist, Dinge im Leben anzunehmen, gerade jene, die sich wegen der Ausrichtung auf Gott ergeben. Das Kreuz auf sich nehmen bedeutet die Lebensherausforderungen annehmen und auf diesen Zielpunkt ausrichten. Das ist oft nicht angenehm und kann, wie Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe zeigten, bis zum äußersten reichen.
Die Witwe von Schumen erkennt den Gottesmann und stellt ihm eine Unterkunft zur Verfügung. Ihr Ziel ist es diesem Sprecher Gottes hilfreich zu sein. Schlussendlich erwirkt dieses Tun ihren sehnlichsten Wunsch. Hier soll aber nichts beschönigt werden. Durch Glauben wird einem im Leben nicht alles erspart. Vielleicht tappt man wegen der biblischen Erzählungen von verdichteten Lebenserfahrungen nicht in jede erdenkliche Pfütze, aber kein Leid wird dadurch weniger dramatisch, kein Tod weniger traurig. In einer anderen Erzählung verliert Hiob sein ganzes Vermögen, seine Frau und all seine Kinder.
Der versprochene Lohn der Gerechten und Propheten ist nirgends näher beziffert. Der Apostel Paulus findet für den Wert der Zielausrichtung auf Jesus hin im heutigen Römerbriefteil eine schöne Formulierung. Er bezeichnet es: „in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln“. Mehr ist es vermutlich nicht, aber auch nicht weniger.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem zweiten Buch der Könige anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.