Fürchtet euch nicht vor den Menschen 1.Lesung: Jer 20,10-13| 2.Lesung: Röm 5,12-15| Evangelium: Mt 10,26-33
Wir haben letzten Sonntag im Evangelium gehört, dass Jesus zwölf Jünger auswählt und sie aussendet: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8).
Im Weiteren fährt Jesus fort: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe, seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! Nehmt euch vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern … Ihr werdet um meinetwillen vor Stadthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis“ (Vgl. Mt 10,16-18).
Unmittelbar darauf setzt das Evangelium dieses Sonntags ein: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ Es zielt vor allem auf jene Menschen, die mit Druck, Angstmache, Repressalien, Demütigung, bis hin zum Töten drohen und arbeiten. Fürchtet euch nicht vor den Menschen!
In vielen Schriften der Bibel, in den Psalmen finden wir dagegen häufig die Worte: Fürchtet Gott. Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass es die Weisheit zum Thema macht. Im Buch der Sprüche ist vierzehnmal davon die Rede. Unter anderem heißt es: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (vgl. Spr 9,10) oder: „Die Furcht des Herrn ist ein Born des Lebens, um zu entgehen den Fallstricken des Todes“ (Spr 14,27). Was könnte der Zugang sein? Worum geht es?
Bei der biblisch geforderten Gottesfurcht geht es nicht um die Angst vor einem Gott, der willfährig, demütigend und den Menschen kleinmachend agiert, oder der zu fürchten ist, weil er mit Adleraugen jedes Vergehen und jeden Fehltritt verfolgt und bestrafen wird. ER ist auch nicht zu fürchten, weil der Mensch klein und unvollkommen wäre.
Die Gottesfurcht führt zu einer Haltung, in der ein Mensch den Weg der inneren Freiheit findet und gehen kann, die, wenn notwendig, auch Kraftquelle zum gewaltlosen Widerstand wird.
Besonders autoritäre Systeme neigen dazu Menschen einzuschüchtern oder gar zu demütigen. Die Gottesfurcht ist ein „Heilmittel“ gegen die Unterwürfigkeit unter Gewalt, Unrecht und Entwürdigung. Zu dieser Haltung der Gottesfurcht leitet das Buch der Sprüche an, um dem Missbrauch von Macht entschieden entgegen treten zu können.
Die „Furcht des Herrn“ wird zur Achtung meiner selbst beitragen – trotz der Schwächen, die einen Menschen ausmachen können. Ein weiser Mensch kann über sich selbst lachen, kann staunen, sich selbst relativieren, hat langen Atem, kann sich mitfreuen. Jeder Mensch ist ein Ab- und Ebenbild Gottes, ein einmaliges, einzigartiges Original. Jeder Mensch ist ihm kostbar. Niemand muss oder soll andere Menschen kopieren. Die „Furcht des Herrn“ lädt ein, den eigenen Weg zu finden und zu gehen.
Die „Frucht des Herrn“ zeigt sich weiter im Respekt vor den Mitmenschen und in der Achtung der Mitmenschen. Niemand ist HERR über einen anderen Menschen, das sollen und dürfen wir Gott überlassen. Die Furcht des Herrn steht daher jedem Hochmut und Herrendenken entgegen. Sie steht aber ebenso jeder Unterwürfigkeit entgegen. Sie sucht die Begegnung auf Augenhöhe
Die Gottesfurcht halte hoch, um nicht der Furcht vor den Menschen, vor Autoritäten, vor jenen, die dir Schaden können, zu verfallen. In der „Furcht vor Gott“ liegt die Kraft für den aufrechten Gang eines Menschen.
Du darfst dich von Gott getragen wissen. Dazu greift Jesus ein eindrückliches Bild auf: gezählte Haare. Es ist eine Metapher mit einer theologischen Wahrheit. Sie spricht von einer Gottesbeziehung und väterlichen Fürsorge, die sehr persönlich ist. Gott kennt den Menschen nicht nur im Allgemeinen, er kennt ihn im Einzelnen, im Konkreten, im Verletzlichen. Nichts ist Gott zu klein, zu unbedeutend und zu alltäglich. ER, der Herr ist über den ganzen Kosmos, kennt und liebt dich bis ins Kleinste.
Dieses Wissen kann zur Kraftquelle werden, beziehungsweise ist Kraftquelle, wenn das Eintreten für die Würde von Menschen, für Gerechtigkeit und Recht gefragt ist und dieser Einsatz mit Drohungen, Verfolgung und Lebensgefahr verbunden ist.
Jesus setzt damit der Logik der Angst die Logik der Beziehung entgegen. Er verweist nicht auf äußere Sicherheit, sondern auf die Nähe Gottes: gezählte Haare. Angst verliert die Macht dort, wo der Mensch erkennt, dass das Leben Geschenk ist und vom tiefen Wissen getragen ist: Ich bin in Gottes Hand. In dieser Gottesbeziehung wächst Freiheit. Es befreit vom Druck Erwartungen erfüllen zu müssen. Es befreit von inneren Ängsten und Zwängen. Nicht weil die Welt problemlos und leicht geworden ist, sondern weil das Vertrauen trägt: Gott hält uns.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Jeremía anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.