Barmherzigkeit will ich 1.Lesung: Hos 6,3-6| 2.Lesung: Röm 4,18-25| Evangelium: Mt 9,9-13
Es ist einige Zeit vergangen, seit Jesus seine ersten Jünger angesprochen hat. Es war direkt am See Gennesaret und er sprach sie an, als sie ihrem Beruf nachgingen – dem Fischen. Fischer galten im Judentum als etwas randständig, weil sie nicht alle Riten und Rituale einhalten konnten. Das Leben verlangte ihnen viel Mühe ab. Es war ein Drahtseilakt zwischen der Sorge um den Lebensunterhalt und dem Einhalten des strengen Gebotsverständnisses der Pharisäer. Jesus zog mit den neu gewonnenen Jüngern umher, lehrte die Menschen und heilte.
Im Markusevangelium wird uns berichtet, dass Jesus nach der Berufung von Simon und Andreas zu ihnen nach Hause ging, um die kranke Schwiegermutter zu heilen. Auch bei der Berufung des Matthäus ist es Jesus offensichtlich wichtig, sein persönliches Umfeld kennenzulernen. Er wollte erfahren, mit welchen Menschen der Mann vom Zoll Umgang pflegte. Jesus will eintauchen in die Lebensrealitäten des Zöllners, will über seine Lebensherausforderungen erfahren. Er betreibt Feldforschung. Er will verstehen lernen, nachvollziehen können – im geht es nicht darum, schnelle Schlussfolgerungen zu ziehen oder vorschnell zu urteilen.
Die Texte der Evangelien wurden erst Jahrzehnte nach dem Tod Jesu verschriftlicht. Von Menschen, die Jesus nicht persönlich gekannt haben. Jesus und seine Jünger sprachen und dachten in ihrer aramäischen Sprache. Das Matthäusevangelium wurde aber in griechisch abgefasst. Im 4. Jahrhundert etablierte sich Latein als Kirchensprache. Die lateinische Übersetzung des Hieronymus prägt bis heute unser Bibelverständnis.
Antoine de Saint-Exupéry schreibt im „Kleinen Prinzen“, dass die Sprache Quelle von Missverständnissen sei, dann erst recht Übersetzungen. Im Zentrum des heutigen Evangeliums steht der Begriff „Barmherzigkeit“. Das lateinische Wort für Barmherzigkeit ist „misericordia“. Es setzt sich aus den Wörtern „miseriae“ (Elend) und „cordia“ (Herz) zusammen. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an. Dies entspricht immer noch sehr stark unserem Verständnis von Barmherzigkeit.
In der griechischen Ursprungsvorlage heißt Barmherzigkeit „eleos“. Es bedeutet Güte oder zärtliches Mitgefühl. Damit zielte der Verfasser des Evangeliums allgemein auf menschliche Zuwendung ab, nicht zwangsläufig auf Personen in Leid und Elend, wie der lateinische Begriff suggeriert.
Das Aramäische ist eine semitische Sprache und damit vieldeutiger. Vokale werden meist nicht geschrieben. Damit haben die Leerräume zwischen den Buchstaben mindestens so viel Bedeutung wie die Buchstaben an sich. Daraus ergibt sich ein anderer Umgang mit den biblischen Texten, als wir ihn kennen. Nicht umsonst diskutieren Juden teilweise heftig und ausführlich über die biblischen Stellen, denn so eindeutig, wie sie uns als deutsche Übersetzung scheinen, sind sie nicht.
Jesus und seine Weggefährten sprachen und dachten semitisch. Barmherzigkeit bezeichneten sie als „Rachamim“. Dieses Wort leitet sich ab vom (Mutter-)Schoß, was eine tief empfundene, schützende und im Ursprung verbundene Liebe meint: Barmherzigkeit als tiefes (Mit-)gefühl oder zärtliche Liebe. Es ist nicht nur ein Empfinden, das einen nicht unbeteiligt lässt, sondern sie drängt zum Handeln. Barmherzigkeit ist wie der Mutterschoß Grundlage menschlichen Lebens.
Genau diese Haltung lässt Jesus mitten unter den Zöllnern essen und reden. Er will diesen gesellschaftlichen Außenseitern ganz nahe kommen, er will sie und ihr Handeln nachvollziehen können, mit all den Verstrickungen, Herausforderungen und Zwängen. Er will mitfühlen und entscheidet sich dann offensichtlich für „Marscherleichterungen“, denn in den Zeilen danach werden sogar die Jünger des Johannes – eines guten und nahen Vertrauten von Jesus, die Frage stellen: „Warum fasten wir und die Pharisäer so oft, aber deine Jünger nicht?“ (Mt 9,14). Seine Antwort ist, dass man auf einen alten Mantel keinen neuen Flicken aufnähen könne und neuer Wein alte Schläuche zerplatzen ließe.
Jesus dringt in die Welt der einfachen Menschen, Ausgestoßenen und Randständigen ein, weil er erspüren möchte, wo Glaube helfen und unterstützen kann und wo es anderen Bedarf gibt als die Einhaltung der üblichen Vorgaben und Regeln. Es geht um Glaubenshilfe im Alltag und nicht um Maßregelungen. „Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20).
Der Soziologe Hartmut Rosa beschäftigt sich mit der Frage, warum sich unser Tun trotz ständiger Aktivität oft sinnlos anfühlt. Er sieht dies als Folge einer entfremdeten Weltbeziehung. Sinnlosigkeit entsteht, wenn wir Tätigkeiten nur noch abarbeiten, statt uns mit der Welt und den Menschen in Beziehung zu bringen. Barmherzigkeit als tiefes Mitgefühl für unsere Umwelt macht unser Leben lebenswert und ist eine Haltung, die wir für ein gesundes Leben brauchen. Jesus fordert auf: geht und lernt zärtliche Liebe zu euch und zu den Mitmenschen, nicht das sich Aufopfern in einer lediglich nach Gewinn und Optimierung strebenden Leistungsgesellschaft.
Wenn wir heute vor der Herausforderung stehen, dass unsere Kirchen leerer werden, sich immer mehr Menschen von der verwalteten Kirche abwenden und wir das ändern möchten, dann werden wir um eine Übersetzung ins Heute ringen müssen: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mt 9,12-13). Jesus berief Fischer und Zöllner: Menschen, die es mit dem pharisäischen Regelwerk des Glaubens nicht einfach hatten, zu seinen Jüngern. Er sorgte für lebensangepasste Möglichkeiten, den Glauben leben und vertiefen zu können. Ebenso gab er ihnen das Gefühl auf der Suche nach dem guten Leben für die anderen und für sich selbst nicht alleine zu sein.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus dem Buch Hoséa anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.