Der Berg als Ort der Gottesnähe 1.Lesung: Apg 1,1-11| 2.Lesung: Eph 1,17-23| Evangelium: Mt 28,16-20
„Geht und macht alle Völker zu meinen Jünger:innen; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geists und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Mit diesen Worten beendet Matthäus sein Evangelium. Es stellt sich die Frage: Kommen wir diesem Auftrag des Auferstandenen als Kirche nach? Oder erleben wir das Gegenteil, wenn Kinder auch aus sogenannten christlichen Familien nicht mehr getauft werden? Vor etwa 100 Jahren gab es eine große Zahl von Frauen und Männern, Missionarinnen und Missionare, die in die Welt – insbesondere nach Afrika und Lateinamerika – auszogen, um das Evangelium zu verkünden. Von vielen wird heute diese ehemalige Missionsarbeit hinterfragt. Gewichtige Gründe für die Bedenken stehen in Verbindung mit wirtschaftlicher Ausbeutung und Zerstörung von Kulturen. Das Christentum sei den Menschen „übergestülpt“ worden. Wer gegenwärtig „missionarisch“ unterwegs ist, das sind in den meisten Fällen Mitglieder der Pfingstkirchen oder der Evangelikalen. Es ist nicht mehr unsere Form und ich meine, dass es so gut ist.
Dennoch bleibt die Frage: Werden wir als Kirche dem Anliegen des Evangeliums gerecht oder nicht? Auftraggeber ist ja der Auferstandene selbst? Mir scheint, dass der genauere Blick auf das Evangelium bei diesen Fragen nottut.
Die Jünger gehen auf einen Berg, der ihnen der Auferstandene genannt hat. Es ist kein konkreter Berg mit Namen. Am Beginn des Wirkens Jesus heißt es, als Jesus die vielen Menschen sah, ging er auf einen Berg. Auch dieser Berg hat keinen Namen. Der Berg ist hier Bild für die Suche der Nähe Gottes. Es braucht eine gewisse Anstrengung. Es erinnert zugleich an Mose, der auf dem Berg die Tafeln mit den Geboten erhält. Moses, die Jünger, die Menschen gehen auf einen Berg, aber der Berg auch als Ort, zu dem Gott herabsteigt. Er lässt sich herab in die Tiefen des menschlichen Daseins.
Als Jesus auf dem Berg gestiegen war, setzte er sich und dann begann er zu den Jünger:innen zu sprechen und sie zu lehren. Es folgt die sogenannte Bergpredigt. Der Auferstandene trägt nun den Jünger:innen auf, dass sie sich an alle Völker wenden und sie zu seinen Jünger:innen machen sollen.
Im Grunde müsste man jetzt die ganze Bergpredigt (Mt 5–7) lesen oder hören, um vor Augen zu haben, was gemeint ist mit alle Völker zu Jünger:innen zu machen. Es seien einige Sätze hervorgehoben:
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig, die Sanftmütigen – die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich (Vgl. Mt 5,3-11).
Oder: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.
Oder: Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! (Vgl. Mt 5,21-40). Nicht am Zeug flicken bei anderen ist angesagt, sondern der selbstkritische Blick auf das eigene Tun und Handeln.
Oder: Ihr habt gehört: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt euere Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? (Vgl. Mt 5,43-48).
Oder: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! (Mt 7,1).
Oder: Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten (Mt 7,12).
Der Auftrag des Auferstandenen besteht darin, die Völker zu seinen Jünger:innen zu machen, ihnen in diesem Geist der Bergpredigt zu begegnen, ihnen diesen Geist zu erschließen und zugänglich zu machen; jenen Geist, der die Würde eines jeden Menschen, der Völker und ihrer Kultur achtet und bewahrt.
Der Auferstandene trägt uns auf, in diesem Geist zu leben und jenen Geistern entgegenzutreten, die Mitmenschen, die Mitwelt und die Schöpfung geringachten oder gar missbrauchen. Zu bedenken ist ebenso: Im Geist der Bergpredigt können Menschen leben, ohne dass sie zum Christentum übertreten müssen. Beispiel dafür ist Mahatma Gandhi, der es als Hindu lebte.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Éphesus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.