Der Geist der Fußwaschung 1.Lesung: Apg 8,5-8.14-17| 2.Lesung: 1 Petr 3,15-18| Evangelium: Joh 14,15-21
Das II. Vatikanische Konzil (1962-1965) war ein Ereignis für die Katholische Kirche, die sie für die Gegenwart und Zukunft anschlussfähig machte. Einige der Themen, die behandelt wurden, seien aufgezählt: Die Reform der Liturgie. Die Klärung des Verhältnisses zu den verschiedenen Religionen, insbesondere zum Judentum. Dies ermöglicht uns in einer globalisierten Welt den anderen Religionen, beziehungsweise den Andersgläubigen konstruktiv und wertschätzend zu begegnen. Die Anerkennung der Religionsfreiheit ist ein Quantensprung der Kirchengeschichte. Es verbietet, fanatisch-gewalttätig gegen Andersgläubige oder Ungläubige vorzugehen. Damit hat sich auch der Missionsbegriff verändert. Wir sind nicht allein im Besitz der Wahrheit. Wir können und wollen auch von der Wahrheit anderer lernen. Das Konzil hat sich als Pastoralkonzil verstanden, d.h. auf Abgrenzung und Verurteilung von Menschen wird verzichtet.
Das Konzil trägt dem Umstand Rechnung, dass nämlich die Gesellschaft der Kirche nicht länger automatisch die Mitglieder zuführt, wie das seit dem 4. Jhd., seit der Konstantinischen Wende der Fall war. Sie steht vor der Aufgabe den Glauben unter dem Vorzeichen der Freiwilligkeit zu künden ohne Zwang. Die Menschen haben die Wahl. Es bedarf der inneren Zustimmung, der Plausibilität und Akzeptanz.
Es gibt allerdings manche, die sehen im II. Vatikanischen Konzil eine Katastrophe, einen Verrat an der Tradition. Man habe Wahrheiten verraten. Durch die Liturgiereform sei Mystisches verloren gegangen. Eine Gruppe unter ihnen sind die Lefebvreaner. Sie fordern den „Tridentinischen Ritus“ als Form der Feier für die Eucharistie. Sie sind in letzter Zeit in kirchlichen Nachrichten öfters erwähnt worden, weil sie neue Bischöfe weihen wollen. Sollte dies ohne Zustimmung des Papstes geschehen, würden sie sich exkommunizieren, sich selbst aus der Kirche ausschließen.
Warum dieser Verweis auf das Konzil? Die Apostel, beziehungsweise der Evangelist Johannes, hatten eine ähnliche Herausforderung zu bestehen wie die Konzilsväter am Beginn der 1960-er Jahre.
Es geht um Tradition und doch Neues. Die Rede Jesu, von der wir heute nur einen Teil gehört haben, hat am Beginn die Worte: „Ein neues Gebot gebe ich euch, liebt einander wie ich euch geliebt habe“. Man kann fragen: Was ist dabei neu? Was ist neu am Gebot zur Liebe? Im Evangelium hörten wir: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“. „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“
Ich sehe zwei neue Aspekte. Ein erster: Alle Satzungen, Vorschriften und Gebote, auch die 10 Gebote vom Sinai sollen als Vorzeichen die Liebe haben. Man kann Gebote und Vorschriften ohne Liebe halten und erfüllen, aber damit ist nicht der Wille Jesu, der Wille Gottes getan. Man kann z.B. Gebote erfüllen, um Überlegenheit, Ausgrenzung und Verachtung zu demonstrieren, oder um sich von der „bösen“ Welt abheben zu können. Dagegen steht: „Ein neues Gebot gebe ich euch, liebt einander, wie ich euch geliebt habe“.
Ein zweites: Die Liebe zu Gott entscheidet sich in der Liebe zum Nächsten. Als Beispiel hat Jesus die Füße gewaschen. Die „Agape“, die Liebe zu Gott und die „Agape“, die Liebe des Nächsten lassen sich bei Jesus nicht trennen. Es geht um diesen tiefen Respekt, die hohe Achtung vor dem Nächsten – ob Freund, Freundin, Fremder, Flüchtling, Sünder oder sogenannte Randexistenz.
Diesem neuen Gebot Jesu trägt das II. Vatikanische Konzil Rechnung. Es hat den Geist der Fußwaschung in unsere Zeit hinein zu formulieren versucht.
Ein letzter – für mich sehr spannender – Hinweis zum Evangelium: Johannes hat eine Gemeinde vor sich, in der es große Auseinandersetzungen gab, z.B. zwischen den Petrus- und den Johannesschülern. Dann gab es eine gnostische Bewegung, eine Gruppe, die sich dem Geistigen verschrieben hat und alles Irdische und Leibliche abwertete. In einem Wort: zur Leibfeindlichkeit tendierte. Die Auseinandersetzungen steigerten sich gegen Ende des 1. Jhd. bis zur Verfolgung. Verschiedene Autoritäten versuchten auf die Gläubigen Einfluss zu nehmen, sie auf ihre Seite zu ziehen. Dazu schreibt Johannes: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“
Es ist eindrücklich, wie diese vereinnahmenden „Autoritäten“ relativiert werden. Der Zugang zu Gott ist nicht an sie gebunden. Wer im Geist der Fußwaschung lebt, wird von Gott, von Jesus geliebt und noch weiter, dem wird sich Jesus selbst offenbaren, d.h. wird selbst erkennen, was richtig und wichtig ist für das Leben.
Lassen wir auf diesem Hintergrund nochmals die Worte des Johannes nachklingen: Das habe ich euch gesagt, während ich noch bei euch bin. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles Lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden hinterlasse ich euch. Meinen Frieden gebe ich euch.
Wenn Sie den Text der 1. Lesung aus der Apostelgeschichte anhören möchten:
Wenn Sie den Text der 2. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Petrus anhören möchten:
Wenn Sie den Text aus dem heiligen Evangelium nach Johannes anhören möchten:
In unseren Gedanken zu den Texten der Sonntage haben wir schon öfter auf die Problematik von Textauslassungen hingewiesen. Wir wollen einen Versuch starten und werden ab dem Beginn des neuen Lesejahres die Texte in der Länge der biblischen Verfasser lesen.
Seit Jahrhunderten beeindruckt die Bibel Menschen mit ihren Formulierungen. In der Zeit ihrer Entstehung für jeden verständlich brauchen Leserinnen und Leser von heute eine Übersetzung dieser Texte. Jede Übersetzung ist in gewisser Weise auch eine Deutung der Schrift. Die Einheitsübersetzung ist uns bereits vertraut. Wir wollen bewusst mit Beginn des neuen Kirchenjahres eine andere Übersetzung verwenden, um uns neu von den Texten überraschen zu lassen. Wir haben uns für die Übersetzung der BasisBibel entschieden, die seit Januar 2021 vollständig vorliegt. Die BasisBibel ist die Bibelübersetzung für das 21. Jahrhundert: klare Sprache, kurze Sätze und verständliche Sprache.